2. Eine erste Idee

Im ersten Teil des Spieleautoren Guide’s ging es um das Thema: “Wie fang ich an” oder wie ich es genannt habe “Aller Anfang ist leicht” . Heute soll es weitergehen mit dem Thema die Spielidee. Von Zeit zu Zeit muss jeder Spieleautor in seinem Leben mal die Frage beantworten: Wie kommst du auf deine Spielideen? Und wie die meisten anderen Spieleautoren würde ich dann manchmal was schlaues sagen – aber es fällt mir nichts ein.  Oftmals weiß ich auch überhaupt nicht mehr, wann ich eine Spielidee zum ersten Mal hatte. Sie war einfach da. Natürlich war sie das nicht –  “einfach da”. Und dennoch fühlen sich die Ideen unzugänglich an.

 

Kreativ oder Unkreativ?

Manchmal erzählen mir Leute ihre Spielideen und meinen “Dazu müsste man doch eigentlich ein Spiel machen”. Ich frag dann immer zurück: “Warum erzählst du mir deine Spielidee und machst nicht selbst ein Spiel daraus?”. Die Antwort darauf ist oft: “Ich bin doch nicht so kreativ, mir ist das nur zufällig eingefallen”.

Um es gleich am Anfang zu sagen:  Es gibt keine unkreativen Menschen. Ich glaube, dass der Mensch, den wir kreativ nennen, seinen Gedanken auch den Raum gibt. Der „Unkreative“ hingegen gibt seinen kreativen Gedanken keine Chance. Und wenn du nicht mir glaubst, dann vielleicht Richard L. Weaver:

Vor ein paar Jahren beklagte eine führende Ölgesellschaft, daß es einigen Mitarbeitern im Bereich Forschung und Entwicklung an Kreativität mangele. Die Firmenleitung setzte ein Psychologenteam ein. Es sollte herausfinden, worin sich die wenig kreativen Mitarbeiter von den Kreativen unterschieden. Nach drei Monaten kamen die Psychologen zu dem Ergebnis: der Hauptunterschied zwischen den kreativen und den weniger kreativen Mitarbeitern besteht schlicht darin, daß die kreativen Leute sich selbst als kreativ einschätzen, und die weniger kreativen genau das nicht tun. (Weaver zitiert nach Weidemann, 2010, S. 15)

Und selbst wenn es nicht stimmen sollte und es ein Kreativ-Gen gibt, mit welchem du leider nicht gesegnet bist: Was hast du zu verlieren? Nichts. Also lass dich drauf ein und mach einfach mal. Man ist nicht automatisch kreativ, man wird kreativ. Es ist wie mit dem Fahrradfahren. Wer übt bekommt es immer besser hin und irgendwann ist es dann selbstverständlich.

 

Inspiration

Inspiration für eine Spielidee kann es überall geben. Vor allem auch dort, wo wir es überhaupt nicht erwarten. Ganz nach Christian Morgenstern:

Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Male wirklich sieht. – Christian Morgenstern

Man muss sich aber auch für die Inspiration empfänglich machen. Wer dauerhaft unter Stress steht, müde, krank, hungrig oder schlecht gelaunt ist, wird keine Geduld und Kraft haben, diesen spontanen Gedanken zuzulassen. Und noch bevor er wirklich gedacht werden konnte, ist der Moment, in dem die Idee verfügbar gewesen wäre, verflogen.  

 

Alltag vs. Kreativität

Leichter gesagt als getan. Immerhin haben wir alle einen Job, eine Familie und viele andere Verpflichtungen. Der Alltag kann sicherlich als Tod der Kreativität bezeichnet werden. Deshalb ist es wichtig sich Zeit zu nehmen. Finde eine Zeit, die nur dir gehört. Eine Zeit in der niemand etwas von dir haben möchte. Doch nicht jeder hat den Luxus, sich diese Zeit einfach so zu nehmen. Aber ihr seid ja kreativ – also seid auch kreativ beim Finden von Zeit. Vielleicht sagst du: “Pah, eine Stunde früher Aufstehen, kein Problem”, vielleicht fährst du länger mit Bus, Bahn oder dem Auto zur Arbeit. Dann könnte das deine Zeit werden. Oder lass doch am Wochenende den Fernseher aus und nutze die 1,5 Stunden eines Spielfilms für deine Spielideen. Es gibt keine universelle Lösung, denn jeder Alltag sieht anders aus. Doch es gibt mit Sicherheit eine Lösung für dich. Um diese zu finden solltest du dich selbst kennen. Aber nicht nur beim Finden von Zeit ist es von Vorteil, sich selbst zu kennen, sondern auch beim Kreativsein bzw. Spieleentwicklen an sich. Ich weiß zum Beispiel genau, in welchen Situationen ich kreativ bin. Am Kreativsten bin ich in der Dusche. Warmes Wasser und das Rauschen sorgt für totale Entspannung. Zudem darf ich in der Dusche etwas machen, das ich sonst nicht mache, weil es andere Menschen irritiert: Ich rede mit mir selbst. In der Dusche irritiert das nur meine Frau. In der Dusche lerne ich für Prüfungen, fälle wichtige Entscheidungen oder erfinde Spiele. Weitere kreative Momente habe ich, wenn ich über viele Stunden lang Bus und Zug fahre und wenn ich spazieren gehe. Und so richtig kreativ bin ich erst nachts. Denn nur nachts will kein Mensch was von mir und ich kann mich viele Stunden lang meinen Ideen hingeben. Finde also heraus, in welcher Situation, Umgebung und Tageszeit du kreativ bist. Wer weiß, in welchen Situation er kreativ ist, kann diese gezielt aufsuchen. Was hilft es, wenn ich morgens früher aufstehe, aber um diese Uhrzeit überhaupt nicht dazu in der Lage bin, einen klaren, geschweige denn einen kreativen Gedanken zu fassen?  

 

Eine erste Idee! Idee

Früher habe ich Ideen oft Wochen, Monate mit mir „herumgetragen“. Das Problem dabei ist, selbst wenn man nicht zu den Menschen gehört, die Ideen gleich wieder vergessen, dass der Kopf mit der eine Idee ausgelastet ist. Es kann also keine Neue entstehen. Deshalb egal, ob du schnell wieder vergisst oder nicht: Schreibe die Ideen auf! Das Aufschreiben hat mehrere Vorteile.

  • Dein Kopf ist frei für neue Gedanken und Ideen.
  • Unser Kopf ist zwar extrem leistungsfähig. Dennoch fällt es leichter, wenn man sich nicht alles im Kopf vorstellen muss.
  • Du kannst jederzeit wieder nachschauen, was du gedacht hast und dir so die Idee blitzschnell zurück holen. Selbst wenn du schon jahrelang nicht mehr an sie gedacht hast.
  • Unser Kopf spielt manchmal auch verrückt. Da habe ich wirklich schon von den schönsten Spielen geträumt und in dem Moment, als ich die Idee aufschreiben wollte, merkte ich: Och ja, so wie ich mir das ausgemalt habe, wird das nichts.

  Bleibt die Frage, wohin das Ganze aufschreiben? Auch hier tickt jeder Mensch anders. Mich zum Beispiel faszinieren vollgeschriebene Tafeln. Und durch den einen oder anderen Film hat sich bei mir das Gefühl entwickelt, dass man, wenn man auf eine Fensterschreibe schreibt, etwas ganz innovatives, weltbewegendes entwickelt. Ich habe deshalb ein Whiteboard und mit dem Whiteboardmarker schreibe ich gleichzeitig auch auf meine Fensterscheibe. Zudem nutze ich ein herkömmliches Notizbuch, wenn ich auf Reisen bin. Ein Notizbuch auf dem Tablet oder den Laptop kann aber genauso das Richtige sein. Oder nimm deine Ideen doch einfach mit deinem Handy auf. Egal was du machst: Mach es, weil es zu dir passt. Jedes Medium hat seine Vor- und Nachtteile. Auch hier wieder gilt das Credo von oben: Kenne dich selbst!

 

Die Spielidee

Eine Spielidee kann fast alles sein. Um es zu vereinfachen, wollen wir Spielideen grob in drei Kategorien einteilen: Mechanismus, Thema und Spielmaterial. Die Einen haben ein Thema, das sie total faszinierend finden und suchen dann vom Thema ausgehend die richtigen Mechanismen. Das Gegenteil ist, eine bestimmte Spielmechanik zu haben. In einem zweiten Schritt kann dann überlegt werden, an welches Thema die Mechanismen erinnern. Manchmal ist es aber auch einfach ein bestimmtes Material (z.B. Magnet), das einen total fasziniert und mit dem man gerne einen Mechanismus machen würde.

Mechanismus

Ich bin ja so ein Mechanismus-Fetischist. Darf man das noch so sagen? Seit ich den Beitrag von Ulrich Blum dazu gehört habe ist es mir ja schon fast peinlich dies zuzugeben. Naja ich steh dazu, man kann eben etwas von sich nicht einfach ablegen, nur weil es anders vielleicht besser wäre. Dazu kann und möchte ich mir an anderer Stelle aber gerne mal mehr Gedanken machen. Zurück zum Thema. Mir fällt also meist erstmal ein spannender Mechanismus ein. Nachdem ich die Idee aufgeschrieben habe versuche ich mit minimalem Zeitaufwand einen ersten Prototyp zu entwerfen. Dazu nutze ich alles, was mir in die Hände kommt. Stifte, Visitenkarten, Bierdeckel oder was auch immer da ist muss herhalten, um mal kurz abstrakt das eine oder andere Spielmaterial darzustellen. Mit denen versuche ich dann das Spielgeschehen oder den einzelnen Mechanismus schon mal umzusetzen und ein bisschen damit rumzuspielen. So bekomme ich schon mal ein Gefühl für meine Spielidee. Von diesem Gefühl des ersten „Spielens“ entstehen dann weitere Fragen mit denen ich mich dann im Folgenden auseinandersetzen kann. Natürlich ist das nicht bei jeder Idee möglich. Manchmal sind Ideen ja auch kein ganzer Mechanismus sondern kleine Fragmente. In den Fällen, in denen es aber möglich ist, bietet es sich an. Denn in dem Moment, in dem man eine Idee hat, kann man die kreative Energie positiv ausnutzen. Und oftmals fällt mir dann auch sofort ein Thema zum Mechanismus ein, weil er mich an etwas erinnert.  

Thema

Vielleicht hast du aber auch ein Thema, das dich total interessiert oder das total spannend klingt. Überlege dir, was zeichnet dieses Thema ganz besonders aus. Oder anders gefragt, wenn du dir vorstellt, es würde ein Spiel zu diesem Thema geben, was würdest du erwarten? Informiere dich über das Thema wo auch immer es geht. Bibliothek, Internet – aber auch bei Freunden. Frage sie, was ihnen zu diesem Thema einfällt. In den wenigen Prototypen, die ich vom Thema her entwickelt habe, ist mir dann immer zu einem Aspekt ein erster Mechanismus eingefallen. Meist ist dieser auch sehr logisch da er einfach ein Abbild davon ist, was auch in der Realität passiert. Schau dir also dein Thema genau an und ich bin mir sicher es wird immer klarer was a) wichtig ist, um das Thema aufzugreifen und b) welche Mechanismen das Thema bzw. die Realität schon anbietet. Das Tolle daran, von einem Thema ausgehend ein Spiel anzugehen ist, dass dadurch ein dichtes Spielgefühl entstehen kann. Wenn nämlich Thema und Mechanismen sich ergänzen kann beides davon profitieren. So profitieren die Mechanismen davon, dass sie durch das Thema logisch und schnell verstanden sind. Die Mechanismen, sollten sie zum Thema passen, können aber auch sehr schön das Thema abbilden und spannend erzählen. Ein bisschen intensiver habe ich mich damit in dem Beitrag mit dem Thema “Spielthema” auseinandergesetzt. Doch auch in diesem Beitrag wurde dieses Thema noch lange nicht zu Ende gedacht. Ich selbst kann in diesem Bereich noch enorm viel lernen.  

Material

Wenn ich in einer Innenstadt bin gehe ich gerne in sogenannte „Krustel-Läden“. Das Besondere an diesen Läden, wo es alles und nichts gibt: Man findet dort nie das was man sucht, sondern immer das was man nicht sucht. Schon so oft war ich in diesen Läden und habe gedacht, “dazu müsste man doch eigentlich ein Spiel machen”. Eine ganze Kiste ist voll von solchem Material aus dem ich mal irgendwann ein Spiel machen möchte. Wenn man nun ein solches Material/Gimmick hat, versuche ich wie beim Mechanismus damit herum zu spielen. Wie fühlt sich das Material an? Ist es weich, hart, lässt es sich biegen? Für was wird es normalerweise genutzt? Könnte man es auch alternativ ganz anders benutzen? Was fasziniert daran besonders?   Das schönste Spiel ist es, Spiele zu entwickeln! Bei allen drei Kategorien von Ideen ist es wichtig, zunächst mit der Idee selbst zu spielen. Sei es mechanisch, gedanklich oder haptisch: Wer sich intensiv mit seiner Idee beschäftigt, kann auch den passenden Kontext dazu erschaffen. Ein komplettes Spielkonzept fällt nicht einfach vom Himmel. Gehe also spielerisch mit deiner eigenen Idee um.  

 

Entspann dich!

Immer, überall und zu jeder Tageszeit kreativ sein kann niemand. Manchmal dauert es auch Tage, Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre, bis aus der Idee ein Prototyp und dann ein Spiel daraus wird. Was nützt es, sich verrückt zu machen, wenn man nicht weiterkommt. Schreib die Idee auf und lass sie ruhen bzw. lass dein Unterbewusstsein arbeiten. Irgendwann wird dir ganz unverhofft ein Licht aufgehen und die Lösung liegt vor dir. Dann ist es Zeit, die Idee wieder aufzugreifen.  

 

Kreativtechniken

Manchmal reicht es aber auch nicht einfach nur über etwas nachzudenken oder man will schnell und spontan eine Lösung bzw. Idee finden. Dann hilft es eine neue Perspektive zu wählen. Da man aber oftmals sehr befangen ist in seinen eigenen Denkmustern können sogenannte Kreativtechniken bzw. -Methoden dabei helfen die Perspektive und Denkmuster zu ändern. Der Perspektivwechsel bringt einen auf neuen Gedanken, welche dann helfen können die Lösung zu finden. Dieses Thema der Kreativtechniken ist sehr groß und innerhalb dieses Spieleautoren Guides nicht zu behandeln. Deshalb nutzt doch einfach mal Google oder lest das „Handbuch Kreativität“ von Bernd Weidemann, welches mir persönlich sehr gefällt. Manchmal ist es auch wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. Ein Buch das sehr gute Fragen passend zur Spieleentwicklung stellt ist das Buch „Die Kunst des Game Designs“ von Jesse Schell. Er stellt eigentlich zu jedem Bereich eines Spiels gute und weiterführende Fragen. Zudem gibt es eine App bzw. Karteikarten, in denen die Fragen nochmals komprimiert dargestellt werden.  

 

Die Innovation ist tot, es lebe die Innovation! 

Jedes Jahr kommen etwas mehr als 1000 neue Spiele auf den Brettspielmarkt. Da kann also schon mal die Frage aufkommen, ob es überhaupt noch neue Spielideen geben kann. Die Antwort dazu ist eindeutig: Klar kann es solche geben. Es geht auch nicht immer darum, das Rad komplett neu zu erfinden. So gab es Deck Building schon lange vor Dominion. Dennoch war Dominion seinerzeit sehr innovativ, weil es den Deckbuidling-Mechanismus in einer zuvor nie dagewesenen Weise nutzte. Als Spieleautor sollte man immer auf der Suche sein etwas Neues zu denken. Dabei hilft es, wenn man sich los macht von einigen Dingen. Denkt nicht daran, was sich gut verkaufen lässt, ob das Spiel zu viel Material hat oder ob das Thema am Markt gut ankommen wird. Um etwas Neues zu schaffen darf man sich nicht einschränken lassen. Nicht in dem Moment, wenn man kreativ sein möchte. Wer kreativ sein möchte muss das Kind in sich wieder herausholen. Denn Kinder sind begeisterungsfähig und naiv, Kinder haben keine Angst vorm Scheitern und denken nicht über etwas nach, sondern probieren es aus. Kinder kümmern sich nicht um Normen, Traditionen und Vorstellungen – auch Statistiken und Mathematik interessieren Sie nicht.   Das erwachsene Ich bzw. die Vernunft kann dann später dazu kommen. Doch wer sich zu schnell, zu stark einschränkt verpasst etwas und zwar neu, anders und innovativ zu denken. Oder um es in den Worten von dem Maler Pablo Picasso auszudrücken:

Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben – Pablo Picasso

 

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Quelle:                                                                                                                                                                                                                                                                            „Weidenmann, Bernd (2010). „Hanbuch der Kreativität “, Weinheim und Basel: Beltz Verlag

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