1. Aller Anfang ist leicht

Ich weiß, ich weiß, das Sprichwort heißt „Aller Anfang ist schwer“. Doch der Anfang bei der Spieleentwicklung von Brett-  und Kartenspielen ist nicht schwer. Braucht man für viele anderen Hobbys erst einmal das richtige Equipment, kannst du mit der Spieleentwicklung sofort anfangen. Okay, ein paar Stifte und Papier wären nicht schlecht, aber auch nicht unbedingt nötig.

Wie leicht Spieleentwicklung ist, merkt man, wenn man Kindern zuschaut. Die entwickeln ständig eigene Spiele. Natürlich handelt es sich dabei um kindliche Spiele, aber auch in diesen Spielen gibt es alles, was ein Spiel ausmacht. (Was ein Spiel ist, ist im Übrigen überhaupt nicht so klar und eindeutig wie man zuerst denkt. Mehr zum Begriff Spiel und deren Definition gibt es zum Beispiel bei Spieleautorentagung.de  zum nachlesen.)

Doch in diesem Spieleautoren Guide geht es ja in erster Linie um die Spieleentwicklung von Brett- & Kartenspiele. Im Unterschied zum entwickelten Spiel eines Kindes im Sandkasten müssen diese Spiele feste Regeln haben und nicht nur an einem Ort, zu einer bestimmten Zeit, mit einer bestimmten Gruppe funktionieren. Im besten Fall sollte das Spiel soviele Menschen begeistern wie möglich. Deshalb ist es das Entwickeln von Brettspielen dann doch ein bisschen komplexer aber vor allem zeitaufwändiger. 

 

Spiele so viel du kannst

Wer Spiele erfinden möchte, muss spielen. Denn nur wenn du weißt, was Spielen ausmacht, was Spieler fühlen, was Spaß macht und was nicht, kannst du auch Spiele erfinden. Spiele also alles, was dir in die Finger kommt. Du glaubst mir nicht, dass es so einfach ist?

Zum Glück stehe ich mit dieser Meinung nicht allein da. Richard Garfield, Autor von Spielen wie Magic the Gathering, Robo Rally oder King of Tokoy schreibt: „‘Fine‘, you say. “I am designing board games, so I will play board games.’ To this I say, ‘Not enough!’ You should play board games, card games, electronic games, sports, arcade games, roleplaying games, miniature games, wargames, mathematical games, party games, puzzle hunts, and casino games. You should watch game shows, sporting events, and game championships. Great design may incorporate ideas from all games.“ (Garfield in Mike Selinker, 2011, S. 7)

 

Zuhören lernen

Als Spieleautor reicht es dabei nicht, nur die Spiele zu spielen! Sondern beobachte alles, was auf und neben dem Tisch passiert. Wann lachen die Spieler, wann sehen sie gelangweilt aus? Wie verhalten sich die Spieler, wenn das Spiel erklärt wird etc. Nichts, was innerhalb des Spiels passiert, ist uninteressant. Ein Spieler geht aufs Klo oder Rauchen. Vielleicht nur, weil er angespannt ist und eine kurze Pause braucht? Warum ist er angespannt? Ist das Spiel so spannend und herausfordernd – oder geht er Rauchen, weil ihm langweilig ist?

Wem aber solltest du am Besten zuhören können? Dir selbst! Was macht dir Spaß und warum? Du bist die verlässlichste Quelle für deine Beobachtungen. Nur klingt das viel leichter als es tatsächlich ist! Denn sobald man beim Spielen über das Spielen nachdenkt, steckt man schon nicht mehr richtig drin. Wenn du aber später darüber nachdenkst, ist das Erlebnis schon wieder verblichen.

 

Spiele sind für Menschen

Und nun gehe ich noch ein Schritt weiter und sage: Es genügt eben nicht, nur zu spielen. Wer ein guter Spieleautor sein will, sollte in jeder Situation Menschen beobachten. Geh ins Kino, Theater, Disco, Restaurant, Einkaufladen oder Fußballstadion. Beobachte, wie Menschen sich in den jeweiligen Situationen verhalten.

Geh mit offenen Augen durch die Welt und versuche, die Dinge wie ein Kind zu sehen. Stell dir vor, du wüsstest nicht, was ein Briefkasten ist. Wir sehen täglich so viele wundersame Dinge, ohne sie wirklich zu betrachten – weil wir uns an sie gewöhnt haben. Mit offenen Augen entdeckst du Zusammenhänge, für die du sonst blind gewesen wärst.

Wer gute Spiele entwickeln möchte, muss meiner Meinung nach eine gute Menschenkenntnis haben. Denn nur dann kann es auch gelingen, ein Spiel zu entwickeln was nicht nur einem selbst, sondern einer Vielzahl von Menschen Spaß macht.

Eine gute Menschenkenntnis ist mit Sicherheit auch eine Begabung. Doch man kann sie auch lernen, indem man mit Menschen spricht, ihnen zuhört und sie beobachtet. 

 

Probieren ist unumgänglich

Du spielst, machst dir Gedanken über die Spiele und nun? Das Wichtigste beim Spieleentwickeln ist das Tun. Klar kannst du auch ein Spiel im Kopf entwickeln aber solange das nur im Kopf bleibt, kannst du nicht ausprobieren, ob es funktioniert. Du wirst also nicht darum herum kommen, auszuprobieren, ob das auch Spaß macht, was du dir da ausgedacht hast.

Am Anfang habe ich Spielideen sehr lange mit mir rumgetragen. Warum? Ich glaube, ich hatte Angst. Angst davor, dass meine Spielidee nicht das halten kann, was ich mir im Kopf ausgemalt habe. Angst, dass die Zeit, die ich investiere, die Idee auszuprobieren, umsonst sein könnte, weil aus dem Spiel letzten Endes doch nichts wird.

Heute probiere ich Spielideen sofort aus. Mit Stift und Papier ist schnell ein Prototyp hergestellt und wenn ich dann nach einer halben Stunde feststelle, “das funktioniert erstmal nicht”, landet die Idee in meinem Notizbuch und ich wende mich Neuem zu. Ich kann aber immer sagen: “Ich habe es probiert”. Wer nichts ausprobiert kann zwar nichts verlieren, aber auch nichts gewinnen.

 

Spieleentwicklung ist ein Full-Time-Job

Die Wenigsten können von sich behaupten, dass sie Spieleentwicklen hauptberuflich machen können. Klar ist aber, Spieleautor zu sein ist eigentlich ein Beruf wie jeder andere auch. Das zeigt auch die Tatsache, dass man heute durchaus Game Design studieren kann.

Wenn ich sage, Spieleentwicklen ist ein Full-Time-Job, möchte ich nicht sagen, dass man seinen Job aufgeben soll. Ich möchte damit nur sagen, dass man nicht davon ausgehen kann, dass man mal eben in zwei Stunden ein fertiges Spiel entwickelt. Selbst Spieleautoren die sich täglich mit der Spieleentwicklung beschäftigen brauchen je nach Komplexität mehrere Wochen, Monate oder gar Jahre bis ein Spiel fertig ist. Wie kann das sein? Hab ich nicht am Anfang gesagt, dass selbst Kinder Spiele entwickeln? Doch, ganz Recht, nur gibt es eben doch einen qualitativen Unterschied zwischen dem entwickelten Spiel eines Kindes und dem Spiel, mit dem jemand Geld verdienen möchte.

Wir, welche Spielentwickeln als Hobby betreiben, brauchen deshalb noch mehr Zeit. Und deshalb heißt Spiele Entwickeln auch Dranbleiben. Autoren die heute mehrere Spiele im Jahr veröffentlichen, haben auch viele Jahre investiert, bevor sie an diesen Punkt gekommen sind. Nimm dir also Zeit und gib nicht auf, auch wenn es mal Rückschläge gibt. Lerne andere Spieleautoren kennen und unterstützt und motiviert euch gegenseitig.

Vielleicht bin ich auch zu pesimistisch. Das kann schon sein. Denn jedes Jahr werden über 1000 Spiele veröffentlicht und darunter auch viele Spiele von ganz neuen Spieleautoren. Ich wollte aber auch keine falschen Erwartungen schüren. Letzten Endes kann ich nur sagen: Mir macht die Spieleentwicklung Spaß, obwohl ich bis dato noch kein Spiel veröffentlicht habe. So viel sogar, dass ich fast meine komplette Freizeit dafür investiere und das nicht erst seit gestern.

 

Was motiviert dich?

Überlege dir mal kurz, warum du Spiele entwickeln möchtest. Willst du dich kreativ austoben und der Kreativität eine Form geben? Willst du reich und berühmt werden? Oder willst du ein Produkt erschaffen mit dem andere eine schöne Zeit verbringen können? Willst du mehr über Spiele erfahren oder über die Menschen die Spiele spielen? Willst du Reisen oder die unterschiedlichsten Menschen kennen lernen? Musst du für die Schule, das Studium oder für die Arbeit ein Spiele erfinden? Es gibt noch viele andere Sachen, die Menschen motivieren können, Spiele zu entwickeln. Aber egal was es ist: Mach es dir bewusst. Denn das hilft für Situationen, in denen es mal nicht so läuft, es langatmig wird oder man keine Lust mehr hat. Es sich erst dann erst zu überlegen ist zu spät.

 

Ihr habt Fragen, Anregungen oder eine andere Meinung. Nutzt doch die Kommentarfunktion und diskutiert – helft uns und anderen dadurch weiter. Denn auch wir wissen nicht alles, wir tun nur so. Beim 2. Artikel dieser Reihe geht es um das Thema “Die erste Idee”.

 

Quelle:                                                                                                                                                                                                                                                  Garfield, Richard (2011). “Play More Games”. In: Mike Selinker (Hrsg.). “The Kobold guide to Board Game Design”, Kirkland: Open Design LLC

2 Gedanken zu „1. Aller Anfang ist leicht

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