Bericht vom 1. Board Game Jam in Essen

Dieses Wochenende, am 12.-13.03.2016, war der 1. “Board Game Jam” in Essen. Vierzig Leute trafen sich, um gemeinsam an zwei Tagen Spiele zu entwickeln. Und ich war mittendrin – da möchte ich natürlich gerne vom Projekt “Board Game Jam Essen” berichten.

Eintrittsbändchen zum Board Game Jam EssenAm Anfang bekam jeder so ein Band um die Hand. Das Unperfekthaus in Essen hat nämlich ein besonderes Konzept: Wer Eintritt zahlt, kann sich den ganzen Tag frei in diesem Künstlerhaus bewegen sowie vom Buffet essen und trinken, so viel er mag. Dies führte zu einer ungezwungenen, eben “unperfekten” Atmosphäre, die unsere Kreativität sehr anregte. Das Haus war gut gepflegt und nicht etwa verranzt, wie man bei so einem alternativen Konzept vielleicht erstmal denken mag. Der Jam war eine offene Veranstaltung, also konnten uns auch Besucher über die Schultern gucken, die dann auch gerne mal als Testspieler rekrutiert wurden.

Jeder füllte erstmal einen Fragebogen aus, anhand dessen die Kleingruppen gebildet wurden. Dabei gab es zwei Kriterien: Spielegeschmack und Bekanntschaften. Die Gruppen wurden aus 2-3 Leuten gebildet, die einander noch nicht kennen durften. Die Spielegeschmäcker wurden möglichst passend zusammengebracht, teils wurden dabei aber auch bewusst leichte Reibungen erzeugt. Die meisten Teams haben sich tatsächlich sehr gut verstanden, jedenfalls mussten keine neuen Gruppen gebildet werden.

Das Organisationsteam war die geballte Kompetenz. Christwart Conrad als alter Hase der Szene und erfahrener Seminarveranstalter (hier ein längeres Bretterwisser-Interview mit ihm), Ulrich Blum als engagierter kreativer Kopf und Vertreter der Spieleautorenzunft (auch er redete mal mit den Bretterwissern), Matthias Nagy als freischaffender Tausendsassa im Brettspielbereich (er war auch schonmal bei den Bretterwissern… wie kommt das bloß?). Sie gaben uns eine wunderbare Vorgabe, zu der wir binnen 5 Stunden schon etwas Spielbares vorzeigen sollten. Die Vorgabe lautete: Vertrauen. Das schlägt genau in die Kerbe, worum es beim Spieleentwickeln meiner Meinung nach im Kern geht: Kein Mechanismus, kein Thema, kein Material – sondern das Erlebnis.

Organtisatoren des Board Game Jam Essen
Die drei Veranstalter: Christwart Conrad, Ulrich Blum, Matthias Nagy.

Beim weiteren Entwickeln hatten wir aber viele Freiheiten. Und das nicht nur in der zeitlichen Gestaltung. Im Hintergrund des Bildes sieht man die Tische voller Holzsteine und -Figuren, Tütchen, Karten, Plättchen, Würfel und so weiter, an denen man sich nach Gusto bedienen durfte. Hier hatte Harald Mücke von spielmaterial.de seine Hände im Spiel, aber auch durch Verlagsspenden kam Material zusammen. Auch technische Hilfsmittel waren vor Ort benutzbar (Schneidemaschine, Laminiergerät, Drucker). Kurz: Ein Schlaraffenland für Spieleautoren.

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Aus unserem Spiel “Nachtwache”

Auf dem Board Game Jam EssenIn unserer Gruppe mit Fabian Zimmermann (“Tiefe Taschen”) und Martin Burger habe ich mich sehr wohl gefühlt. Wenn man gewohnt ist, mit seinen Ideen allein zu sein, ist es etwas ganz Anderes, ein Spiel in Teamarbeit zu entwickeln. Am Anfang dauerte es ein wenig, bis wir uns über ein Grundkonzept einig waren. Wir wollten erst über die Schiene “Misstrauen” und mögliche Verräter gehen. Letztlich sind wir dann bei einem vollkooperativen Abenteuerspiel gelandet. Samstags um 16 Uhr konnten wir tatsächlich schon die erste Version einem anderen Team zeigen. Ich bin immer noch sehr begeistert von dem Konzept, das wir wirklich zusammen entwickelt haben. Vielleicht machen wir ja in Zukunft noch etwas daraus – auch diese Möglichkeit gehört zum Konzept des Jams.

Am Sonntag ging es mit der Entwicklung weiter; hinzu kamen drei kleine Wettbewerbe. Einer bestand daraus, dass alle den Saal verlassen mussten. Als sich die Türen wieder öffneten, hatte sich auf jedem Tisch etwas verändert. Man musste für jedes Team erraten, welcher Gegenstand auf dem Tisch nicht zum eigentlichen Spiel gehörte. Eine knifflige Aufgabe: Ist es der rote Würfel oder doch der gelbe Lastwagen? Diese Scheibe hier sieht aber auch nicht aus, als würde sie dazugehören…

Als zweiter Wettbewerb sollte ein “Publikumspreis” gewählt werden. Leider war nicht genug Zeit, um die Spiele aller anderer Teams kennenzulernen. Aber mittels “Speed Playing” (Rotationsprinzip) konnte man wenigstens 2-3 andere Spiele ausprobieren. Außerdem konnte man sich wenigstens kurz ein Bild machen, als alle Spiele “gepitcht” wurden. Also eine Kurzvorstellung in maximal drei Minuten, eine Reduktion auf das Besondere, was den Reiz des Spiels ausmacht, keine Regelerklärung. Das, sagte Ulrich Blum, sollten wir auch beim Autorentreffen in Göttingen machen. Die Redakteure wollen wirklich nur eine Übersicht über deine Idee, keine Komplettvorstellung. Aber auch schon bei der Entwicklung hilft es enorm, kurz und prägnant sagen zu können, was das Spiel auszeichnet. (Nebenbei: Einige Brettspielrezensenten sollten das auch mal ausprobieren.)

Sieger Board Game Jam Essen
Die Gewinner des “Publikums-” und des “Jurypreises”

Der dritte Wettbewerb war dann natürlich der Jurypreis. Die drei Veranstalter saßen permanent an den Tischen, um den aktuellen Stand der Entwicklung zu erfahren und bei Bedarf ein paar Anstöße zu geben. Das haben sie mit sehr viel Elan und Verbesserungswillen getan, es waren mit Abstand die wichtigsten Rückmeldungen während der Entwicklung. Die Organisatoren wollten aber auch das ihrer Meinung nach beste Spiel finden. Letztlich sagten sie, dass 8 der 11 entwickelten Spiele es wirklich verdient hätten. Den Preis gewann dann “Wer lügt, beginnt” von Daniel Danzer, Liesbeth Bos und Stephan Kessler.

Am Ende hat jeder gewonnen

Da die Organisatoren selber verspielt sind, gab es – wie könnte es anders sein – eine Schlusswertung aus diesen drei Wettbewerben. In dieser Rangfolge durfte sich dann jeder ein Spiel vom reich bestückten Preistisch aussuchen, die Gewinner zuerst. Dass alle gewonnen haben, trifft aber nicht nur materiell zu. Für alle Beteiligten war es ein sehr bereicherndes Wochenende. Man konnte viel lernen, neue Kontakte knüpfen, Inspirationen mitnehmen, zusammen Spaß haben. Insgesamt hat es sich sehr gelohnt, in diesem Jahr anstelle der Weilburger Spieleautorentagung den Board Game Jam Essen zu veranstalten.

  • Manuel ist der Pionier des Board Game Jams in Deutschland, er hat schon vor einem Jahr einen in Freiburg veranstaltet!

5 Gedanken zu „Bericht vom 1. Board Game Jam in Essen

  1. Hallo!

    Schöner und auf den Punkt gebrachter Bericht! Das “Team um Daniel Danzer” erweckt allerdings einen etwas falschen Eindruck. Die drei Mitgleider waren alle absolut gleichberechtigt und entwickelten auf Augenhöhe miteinander – so wie (nach meiner Beobachtung) alle anderen Teams. Liesbeth Bos und Stephan Kessler müssen hier also genauso erwähnt werden! :-)

      1. Super Sache – danke schön. :-)

        Ich fand das Wochenende natürlich ebenfalls ultra-inspirierend und es sind bestimmt ein halbes Dutzend Sachen rausgekommen, die von den Teams weiterverfolgt werden sollten. See you next time!

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