Bericht: Weilburg 2017

Letztes Wochenende waren wir beide auf der 10. Deutschen Spieleautorentagung in Weilburg und wollen jetzt auch gemeinsam davon berichten.

Jonas: In der letzten Woche war ich noch dabei, die alten Episoden von “Shut Up and Sit Down” zu sehen. Früher war diese Brettspielshow tatsächlich als Serie aufgemacht, was mir sehr gefallen hat. In diesem Format wird mehr vom Spielerlebnis transportiert als in einer klassischen Rezension. Meine Lieblingsfolge bisher ist wohl das Vlaada-Special. Außerdem erfuhr ich, dass dieses Jahr auf der Game Developer Conference (GDC) in San Francisco zum ersten Mal ein Brettspieltag stattgefunden hat, ein eigener Bereich mit Vorträgen und Diskussionen über Brettspiele. Das Tolle ist, dass man diese Talks nun auch kostenlos im Internet schauen kann. Besonders möchte ich da dieses Panel mit Rob Daviau, Eric M. Lang und Geoffrey Engelstein empfehlen, moderiert von Paul Dean (bekannt aus den eben genannten Episoden von Shut Up and Sit Down). Weitere Brettspieltalks sind über diesen Artikel aufzufinden. Soviel vorneweg.

 

Die Vorträge und weitere Themen:

Jonas: Am Freitag ging es dann wie angekündigt nach Weilburg zur Spieleautorentagung. Auch dort wurden einige Vorträge aufgezeichnet und dürften später einmal online anschaubar sein. Am meisten Input hat mir der Vortrag von Daniel Danzer gegeben: “Ein Spiel in 3 Akten” – es ging also um Spannungsdramaturgie. Zwar spricht man oft über den (fehlenden) Spannungsbogen eines Spiels, aber einem ist nicht so wirklich klar, was dahinter steckt. Das 3-Akt-Modell ist eine universelle Antwort. Ein Konflikt wird dadurch spannend, dass zunächst genau das Gegenteil passiert von dem, was letztendlich den Konflikt beendet. Eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle. Man kann damit nicht nur den gesamten Erlebnisverlauf eines Spiels beschreiben, sondern etwa auch den Verlauf einzelner Abschnitte oder das Schicksal einzelner Hauptcharaktere. So entstehen Erlebnisse, die als Narrativ wahrgenommen werden.

Manuel: Der Vortrag von Daniel Danzer war super. Hier habe auch ich viel mitgenommen. Umfassend würde ich sagen war der größte Erkenntnisgewinn, dass man vieles intuitiv löst. Sich gezielt Gedanken über das eigene Tun zu machen ist aber wichtig. Natürlich man kann aus dem Bauch raus agieren und in X Fällen wird man Glück haben. Wenn man sich aber damit beschäftigt, basiert das nicht mehr alles nur auf Glück, sondern man gezielter daraufhinarbeiten. Dazu muss man aber auch sagen, alle Vorträge waren ein Anstoß. Dieser kann helfen, sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen und dann gegebenenfalls in seine Praxis zu integrieren. So werde ich in nächster Zeit sicherlich noch stärker auf den Spielverlauf achten.

Jonas: Weitere Erkenntnisse aus der Tagung: Der Begriff “Thema” wird in der Szene nur sehr oberflächlich verwendet. Wenn man vom Thema spricht, meint man damit meistens das Setting, etwa “Handeln im Mittelalter” oder “Planeten der Galaxie besiedeln”. Aber eigentlich sollte es beim Thema doch um die Aussage des Spiels gehen, um ein tieferes Thema wie etwa “Vertrauen”, “moralisches Dilemma”, “Einsamkeit”. In diese Richtung so. Außerdem: Es ist wichtig, sich über den Kern des eigenen Spiels klar zu werden. Was will das Spiel überhaupt? Worum geht es wirklich? Dieses Kern sollte man gezielt herausarbeiten und die restlichen Elemente des Spiels darauf ausrichten. Letzteres war das Hauptfazit des sogenannten “Streitgesprächs” zwischen den beiden Redakteuren Stefan Stadler und Viktor Kobilke. Sie haben darüber gesprochen, wann Spiele verschlankt oder aufgebohrt werden sollten. Es war etwas amüsant, dass sie dabei eigentlich gar nicht gestritten haben…

 

Die Workshops…

Jonas: Die Workshops waren interessant, es gab praktische und theoretische Workshops. Ich hätte mir eher eine Mischung aus Theorie und Praxis gewünscht – als ich das zum Schluss Matthias Nagy sagte, meinte er, das sei nicht so einfach. Früher hätte Michael Sträubig so eine Mischung angeboten, die wohl immer sehr beliebt war. Meine Wahl fiel dieses Jahr auf die Workshops “Die Mechanik IST das Thema” von Ulrich Blum und “Psychologie im Spiel” von Christwart Conrad. Am Abend habe ich selber einen Spontanworkshop “Interaktion” gemacht, wo wir versucht haben, verschiedene Arten von Interaktion im Spiel zu kategorisieren. Da könnt ihr euch bald auf einen eigenen Blogartikel freuen.

Manuel: Ich muss Jonas wiedersprechen. Ich finde es gut, dass so viel Theorie im Vordergrund steht. Natürlich gehört auch immer Praxis dazu. Doch die haben wir doch 365 x2 Tage bis zur nächsten Veranstaltung in Weilburg. Besucht habe ich die Workshops „Mechanik ist das Thema“ bei den es unter anderen einen mini Game Jam gab sowie „Do’s and Dont’s bei Anleitungen“ bei Matthias Nagy. Meine Erkenntnis zum Anleitungsworkshop werden sicherlich mit in den Spielregel Guide fliesen. (Dieser liegt aber gerade aus Zeitgründen auf Eis).

 

Das Drumherum & Fazit:

Testen in der Mittagspause

Jonas: Die Mischung der Teilnehmer war auch wieder spannend. Vom alten Hasen bis zum Szene-Neuling war wieder alles dabei. Wir beide waren wohl immer noch die jüngsten Teilnehmer, aber haben uns trotzdem voll integriert gefühlt. Weilburg lebt ja vor Allem davon, Kontakte zu knüpfen und persönliche Erfahrungen auszutauschen. Bedauerlich ist der sehr geringe Frauenanteil auf der Tagung, diesbezüglich möchte ich nochmal auf das Ende des oben genannten GDC-Panels verweisen, ab Minute 58. Aber schaut es ruhig von Anfang bis Schluss an. ;-)

 

Manuel: Mir hat es sehr gut gefallen. Ich konnte viele bekannte Kollegen treffen, habe aber auch einige neue Autoren habe ich kennen gelernt. Hier sehe ich auch die große Stärke von Weilburg. Wenn man sich sonst auf den verschiedenen Veranstaltungen trifft, ist oft wenig Zeit sich mal intensiv zu unterhalten. Weilburg bietet genau das. Man kann sich auch mal über 2 Stunden an einem Thema festbeißen und darüber fachsimpeln. Das Wichtigste findet meiner Meinung nach nicht in den Angebotenen Workshops oder Vorträgen statt, sondern dazwischen. Beim gemeinsamen Essen oder gemeinsamen Bier trinken oder bei der gemeinsamen Autofahrt. Die Vorträge und Workshops sind aber da um Gedankenanstöße zu bekommen. Was man daraus macht liegt aber an jedem selbst.

 

 

4 Gedanken zu „Bericht: Weilburg 2017

  1. Hallo Jonas, Hallo Manuel,

    ja, das war wieder eine schöne Veranstaltung, wenngleich ich gefühlt mehr aus den Gesprächen neben den Veranstaltungen als aus den Programmpunkten selbst geholt hatte. Daniel Danzers 3-Akt Struktur für Spiele war ein Augenöffner, da ich hier immer dem Irrtum unterlegen war, daß im 3. Akt die Spannung (Auflösung) schon nach unten zeigt – jetzt eher auf Stories als Spiele bezogen. Jedenfalls ein toller Vortrag.

    Andere waren eher mittelmäßig oder für mich zu wenig relevant und hätten als optionaler Programmpunkt besser funktioniert. Daß das Streitgespräch keines werden würde, war klar, dazu gibt es bei der Fragestellung (Spiele aufpumpen oder verschlanken) zu viele ‘kommt drauf an’ Punkte.

    Warum ich trotzdem sehr zufrieden bin liegt an der netten Atmosphäre der Teilnehmer untereinander (und ich das teilweise Geplänkel der Organisatoren untereinander als eher unschön empfand) und der Möglichkeit, auch mal wieder theoretisch über Dinge zu sprechen und nachzudenken.

    Ich hoffe Weilburg lebt weiter und dann werde ich auch wieder dabei sein.

    Liebe Grüße

    Steffen

    1. Hallo Steffen,
      Danke für deine Perspektive. Ich hoffe auch, dass Weilburg weiterlebt. Nachdem ich nun einmal dabei war, glaube ich auch, dass Weilburg davon lebt sich zu beteiligen und vor allem dann stark ist, wenn sich viele unterschiedliche Menschen sich mit ihrer ganz subjektiven Perspektive mit einbringen. Dadurch kommt man dann vielleicht auch in die komfortable Situation Voträge optional zu Gestalten. Denn nicht jeden interessiert alles und nicht jeder ist gerade an der gleichen Stelle mit seiner Entwicklung und seinen Interessen. Ich stehe eher am Anfang, andere sind renomierte Preisträger oder schon Jahre dabei und interessieren sich deshalb für ganz andere Dinge. Ich nehme jedenfalls für mich mit, dass ich mich das nächste Mal gerne auch Inhaltlich mit einbringen möchte.

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