Das “Legacy-Prinzip”

2011 gab es mit dem Erscheinen von Risk Legacy (dt. Risiko Evolution) das der Autor Rob Daviau erfand einen Aufruhr in der Spielerszene. Heuer, im Jahr 2015, erleben wir mit Pandemie Legacy den fulminanten Aufstieg eines 4 Monate alten Spiels, dass auf Boardgamegeek gerade einen enormen Hype erlebt. Gleichzeitig polarisiert das Legacy-Prinzip nach wie vor. Was das Legacy-Prinzip ist, warum es polarisiert und was an dem Hype um Pandemie dran ist, will ich gerne ein bisschen genauer betrachten:  

Das Legacy Prinzip!

Ein Spiel mit dem Legacy-Prinzip zeichnet sich dadurch aus, dass es sich verändert und keine Partie einer anderen gleicht. So kommen jede Partie neue Regeln oder andere Veränderungen hinzu. Beispiel für eine Veränderung ist, dass nach einem Ausbruch bei Pandemie Legacy neben die Stadt ein Aufkleber geklebt wird. Nach einem Ausbruch wird die Stadt instabil, weitere Ausbrüche sorgen für Aufruhr oder gar der Zerstörung einer Stadt. Diese Markierungen sind endgültig und beeinflussen spätere Partien. Denn die nächste Partie wird einfach mit den neuen Voraussetzungen gespielt.  

Legacy-Prinzip + Geschichte = Erlebnis²

Jedes gute Spiel hat ein Thema und erzählt eine kleine Geschichte. Das Legacy-Prinzip hat aber das Potenzial, das Erleben der Geschichte zu verstärken. Um deutlicher zu machen, was ich damit meine, möchte ich einen Vergleich zu einem Spiel aufstellen, das ebenfalls versucht, von Partie zu Partie eine Geschichte zu erzählen. Ich rede vom Kennerspiel 2014 „Die Legenden von Andor“. Bei den Legenden von Andor gibt es Szenarien. In jedem Szenario treffen wir auf neue Herausforderungen und andere Ziele. Der Verlauf der Geschichte wird durch Karten bestimmt, die uns beim ersten Spielen nicht bekannt sind. Doch in jedem Spiel gibt es eine vorgegebene Startaufstellung. Es gibt nichts, was ich aus der letzten Partie an Errungenschaften oder Malis mitnehme. Die Szenarien sind also in sich abgeschlossen. Genau an diesem Punkt setzt das Legacy-Prinzip an. Denn es gibt eben Dinge, die sind partieübergreifend. Diese Veränderungen über die einzelne Partie hinweg führen zu einer noch stärkeren Bindung und intensiverem Erleben der Geschichte. Zwei Beispiele dafür: Beispiel 1 text4173 Eine Partie ist also nach wie vor als solche zu erkennen. Die einzelnen Partie werden aber miteinander verbunden und Entscheidungen am Anfang des Spiels haben über das ganze Spiel hindurch bestand. Dadurch entsteht eine persönliche Bindung zu dem Spiel und es fühlt sich an, nein ein Stück weit ist es auch so, als würde man eine ganz individuelle Geschichte erleben.

Das Metagame

Das Metagame am Ende des eigentlichen Spiels, bei dem das Team zwei Fortschritte wählen kann, beschäftigte uns oftmals sehr. Da wurde diskutiert, Strategien und Taktiken abgewogen und dann entschieden. Es kam schon auch mal vor, dass wir sagten „Komm wir schlafen noch einmal darüber“. Dies nur als Beispiel, wie sehr einen das im positiven Sinne beschäftigen kann. Weil die Entscheidungen in dieser Phase einmalig und unwiederruflich sind, gewinnt das Metagame enorm an Spannunng und Wichtigkeit. Hier werden die Weichen für viele weitere Partien gelegt. Spiele leben davon, dass man Entscheidungen treffen muss. Eine Entscheidung kann zu Sieg oder Niederlage führen. Da manche Entscheidungen bei Pandemie Legacy nicht nur über Sieg oder Niederlage einer Partie entscheiden, fühlen sie sich noch wichtiger an.  

Die Halbwertszeit der Legacy-Spiele

Natürlich polarisiert die Tatsache, dass Spielmaterial zerstört und unwiderruflich aufgeklebt wird. Waren es bei Risiko Evolution 15 Partien, sind es bei Pandemie 12 bis 24 Partien, je nachdem wie gut man spielt. Danach ist das Spiel nicht unspielbar, aber natürlich kann man nicht noch einmal von ganz vorne anfangen, auch das Verkaufen dieser Spiele ist unmöglich. Doch gerade dadurch, dass Spielmaterial unwiederruflich zerstört wird, gewinnen die oben beschriebenen Entscheidungen noch mehr an Wert. Man kann nicht sagen, komm wir versuchen es noch einmal von Punkt X ausgehend. Dadurch, dass das Spiel nur einmal spielbar ist, hat es aber auch den Vorteil, dass man darauf verzichten konnte einen Wiederspielreiz zu schaffen. Das merkt man gerade der Geschichte an, die in Pandemie Legacy erzählt wird. Diese besteht aus so vielen interessanten Überraschungen und Wendungen. Nach einer Partie ist dieser Überraschungseffekt, welcher enorm zur Spielatmosphäre beiträgt verpufft. Noch einmal die gleiche Geschichte zu spielen, wäre nicht spannend, da sie sich nicht ändern würde und man alle Geheimnisse schon kennen würde.   20160105_134700

 

Das Legacy Prinzip universell anwendbar?

Ihr merkt, ich bin sehr überzeugt von dem Legacy Prinzip. Ich halte es dennoch nicht für sinnvoll nun alle guten Spiele mit einer Legacy Variante auzustatten. Es muss überlegt werden, wie eine solche Variante aussehen kann und in das Spielprinzip reinpasst. Ein Agricola Legacy wäre sicherlich denkbar halte ich aber für nicht angebracht. Für das Legacy Prinzip sehr gut passende Spiele sind meiner Meinung nach die kooperativen Spiele. Bei kompetitiven Spielen besteht die Gefahr, das die Balance zwischen den Spielern aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann und einer zu Beginn einer Partie besser dasteht als der andere.  

Innovation & die Zukunft!

Ist das Legacy Prinzip jetzt was total neues? Ja und nein. Ja – es ist neu, dass dieses Prinzip bei Brettspielen in einer solchen Form angewandt wird. Und nein. Denn im Prinzip ist es nicht anderes als ein Rollenspiel bzw. eine große Kampagne wie sie auch bei anderen Spielen zu finden ist. Ich hoffe es wird auch in Zukunft Legacy Spiele geben. Vielleicht sogar ein Spiel, das schon von vorneherein auf dieses Legacy Prinzip zurückgreift und es mit aufnimmt. Denn wenn man ehrlich ist, ist es seltsam, dass man bei Pandemie Legacy in jedem Monat neu versucht Heilmittel zu entdecken. Meine Gedanken gingen da in die Richtung einer X-COM Legacy Variante. In dieser Variante könnte ich mein Einsatzteam anheuern, trainieren und für jede Mission neu festlegen wenn ich mitnehme. Desweiteren müssen zwischen den einzelnen Partien das Headquarter ausgebaut, Waffe und Fahrzeuge erforscht oder neue Stützpunkte aufgebaut werden. Ich denke es könnte genug Ideen für gute Legacy Spiele geben. Eine Idee hat Rob Daviau ja auch selbst. Das Spiel heißt SeeFall und soll laut Boardgamegeek 2016 erscheinen.  Auf jeden Fall hat es das Legacy Prinzip geschafft, das Storytelling in Brettspielen auf ein neues Niveau zu heben und das finde ich großartig.   Weitere Infos/Hintergründe/Links zum Thema: Ein sehr interessante Interview mit Rob Daviau zum Pandemic Legacy könnt ihr auf der Homepage von WIRED nachlesen. Und mit dem Autor Matt Leacock von Pandemie haben wir demletzt selbst ein Interview geführt. Und wer immer noch nicht genug hat, kann sich bei YouTube ein Vortrag zu Pandemic Legacy von Rob Daviau anschauen

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