Der kleine Junge mit der Glaskugel

Es war einmal ein kleiner Junge mit einer Glaskugel. Es war die erste Glaskugel, die er selbst hergestellt hatte. Viele Wochen hat er damit verbracht, sie zu formen, einzufärben und zu polieren. Mit dem Ergebnis war er sehr zufrieden. Je länger er die Glaskugel betrachtete, desto mehr verliebte er sich in sie. Er kannte jede Furche, jede Unregelmäßgikeit. Damit der Glaskugel nichts passiert, packte der Junge sie in einen Stoffbeutel. Diesen trug er von nun an Tag und Nacht bei sich. Die ersten Gedanken und die letzten Gedanken des Tages gehörten dieser, seiner Glaskugel. Eines Tages, so dachte der kleine Junge, wird er die Glaskugel verkaufen und reich werden. Bis dahin soll sie aber noch ihm gehören. Niemand soll wissen, dass er sie besitzt. Die anderen könnten sie im klauen. Und so versteckte er sie immer in der Furcht, jemand anderes könnte sie ihm doch wegnehmen.

Eines Tages wachte er auf und war traurig. Traurig darüber, dass sich niemand für seine Glaskugel interessierte. Obowohl er sie nun schon seit vielen Wochen hatte, interessierte sich niemand für seine Glaskugel. Ist sie nicht gut genug? Warum wollen die Anderen die Glaskugel nicht sehen? Dabei kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, dass die Kugel ja noch nie jemand gesehen hat. Und statt sie anderen zu zeigen, machte er viele neue Glaskugeln. Eine schöne als die andere, doch noch immer interessierte sich niemand für seine Glaskugeln. Entäuscht und traurig versteckte er die Kugeln in einem kleinen Holzkästchen in seinem Regal. Eines Tages kam ein Zirkus in die Stadt. Auch der kleine Junge kaufte sich ein Ticket und besuchte die Abendvorstellung. Nach den Löwen kam ein Jongleur in die Manesche. In seiner Hand drei wunderschöne Glaskugeln. Auf einmal wurf er alle drei Kugeln in die Luft. Die Leute, dass konnte man spüren, hielten die Luft an. Jeder hatte Angst, dass die Glaskugeln im nächsten Moment auf den Boden fallen und in tausend Teile zerbrechen. Doch das passierte nicht. Vielmehr warf der Jongleur eine Kugel nach der anderen wieder in die Luft. Immer und immer wieder. Die Kugeln gehorchten ihm, als wären sie durch einen unsichbaren Faden mit seinen Händen verbunden. Nach der Vorstellung nahm der kleine Junge all seinen Mut zusammen und sprach den Jongleur an. “Woher hast du diese wundervollen Glaskugeln? Und hast du keine Angst, dass eine davon auf den Boden fällt und kaputt geht?” Der Jongleur schmunzelte und sagte: “Natürlich habe ich Angst, dass eine meiner Kugeln auf den Boden fällt. Die Angst sorgt aber dafür, dass dies nicht passiert.” Der kleine Junge war aber noch nicht zufrieden und fragte weiter: “Ist dir also noch nie eine Glaskugel herruntergefallen?” Und wieder schmunzelte der Jongleur und erwiderte: “Oh doch, mir sind schon einige Glaskugeln heruntergefallen. Darunter wunderschöne Glaskugeln. Doch was bringt es, wenn man eine Glaskugel besitzt, sie aber nicht vorzeigt und nicht mit ihnen spielt? Man muss die Kugeln zum Leben erwecken – sonst haben sie keinen Sinn.”

Kaum zu Hause, holte der kleine Junge das Holzkästchen aus dem Regal und nahm eine Glaskugel heraus. Er betrachte sie – sie war wunderschön. Bevor er weiter drüber nachdenken konnte, was sie so einzigartig machte, warf er sie in die Luft und fing sie in der nächsten Sekunde wieder sicher mit seiner Hand. Er wurde mutiger und nahm eine zweite Glaskugel dazu. Immer und immer wieder warf er die Kugeln in die Luft und fing sie wieder auf. Am Wochenende nahm er seine Glaskugeln aus dem Regal, verstaute sie sorgfältig in seinem Holzkästchen und nahm sie mit auf den Markt. Dort suchte er sich einen guten Platz, an dem viele Menschen vorbeilaufen und begann mit seinen Glaskugeln zu jonglieren. Die Leute staunten nicht schlecht! Sie blieben stehen, schauten im zu, nickten im anerkennend zu und klatschten, wenn er eine Pause machte. Kinder sagten zu ihrer Mutter: “Mama, ich möchte auch so eine schöne Glaskugel.” Am Abend packte er alle Glaskugeln wieder ein. In sich spürte er eine innere Wärme. Er war zufrieden. Seine Glaskugeln sind zum Leben erweckt worden.  

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