Der weite Weg zum Heldentrip oder: Kann ich Kartenspiele selbst produzieren?

Wer die Vierzig überschreitet, fängt schon einmal an abzuzählen, welche Träume aus der Kindheit denn mittlerweile so verwirklicht sind. Ach ja, ich wollte immer schon ein großer Spieleerfinder werden. Bereits in Grundschultagen habe ich meinen Bruder und meine Schwestern mit selbst gemalten Gesellschaftsspielen gequält. Und in den 1980er Jahren war ich dem erfolgreichen Spieleentwickler in mir schon einmal dicht auf den Fersen: Ich opferte damals meine guten (?) Schulnoten, um mich ganz und gar der Programmiererei des Commodore 64 zu verschreiben. Insgesamt 40 Titel kamen zwischen 1985 und 1991 aus meiner virtuellen Feder auf die Diskette. Und manche wurden sogar verkauft. In den Nuller-Jahren verfiel ich noch ein paar Mal der Programmiersucht und wurde zum Entwickler für Browserspiele für den Flashplayer. Während die Commodore-Spiele in Retro-Kreisen so langsam wieder Kult werden, ist Flash zurzeit ein No-Go. Wenn man Pech hat, gibt es sogar eine Bestrafung von Google, wenn man jetzt noch auf diese Technik setzt.

 

Das eigene Kartenspiel

Also kehrte ich 2012 zurück zu den Wurzeln: Und zwar zum realen Spiel. Und weil ich ein Kontrollfreak bin und alles gerne in meinen Händen behalte, war ich auch begeistert von der Idee, meine Kartenspiele selbst zu produzieren. In den „Expertenforen“ der Amateur-Spieleentwickler wurde mir sofort davon abgeraten. Ich sollte lieber 2000 Euro in die Hand nehmen und das von einer Spezialdruckerei machen lassen. Aber ein eigenes Kartenspiel zu produzieren, das kann doch nicht so schwer sein. Dickes Papier in den Drucker schieben, ausschneiden und schon ist das Spiel fertig. Oder etwa nicht?

 

Erstmal ein gutes Konzept finden

Heldentrip war mein Erstlingswerk. Die Testspiele verliefen über rund zwei Jahre. Manchmal sehr zum Leidwesen der Spielegruppe: „Was, schon wieder eine Regeländerung für Heldentrip ausprobieren? Muss das sein?“ Aber am Ende führten die Testrunden zu einem ziemlich geradlinigen und einfach lernbaren Spielkonzept. Es gibt gewiss schlechtere Spiele auf dem Markt. Es gibt aber bestimmt auch bessere. Mit Heldentrip habe ich vielleicht nicht das Rollenspiel neu erfunden (und auch nicht das Kartenspiel), aber für eine kurzweilige halbe Stunde ist das ein schon ein prima Spiel. Irgendwann kam der Zeitpunkt zu sagen: So soll es sein. Und dann ging es an die Produktion.

 

Die Hardware anschaffen

Bald schon wurde mir klar, dass mit einem herkömmlichen Drucker nichts zu machen ist. Die drehen den Karton beim Druck einmal um 180° und wenn das Gerät nicht auf so dickes Papier optimiert ist, dann rubbelt sich der Toner auch schnell wieder ab, wenn eine Spielkarte auf den Tisch geknallt wird. Also war es Zeit, einen Spezialdrucker zu kaufen. Diese gibt es so ab 2000 Euro. Gut, für den Preis hätte ich schon eine Auflage vom ersten Kartenspiel bekommen. Egal, ich wollte ja unbedingt eigenhändig produzieren.

Dann die nächste Überraschung: Wie? Spielkarten sind lackiert? Ja, gut. Eigentlich logisch: Beim Spielen wird ja auch Kaffee oder Cola getrunken. Gut, wenn die Karten dann etwas wasserfest sind. Papierlackiermaschinen, die man mal so locker auf den Schreibtisch stellen kann, werden in Europa eigentlich gar nicht produziert. Aber in China kann man die bestellen. Darf man aber nicht, weil sie dann kein CE-Zeichen tragen. Das Risiko, einen oder zwei Tausender nach China zu überweisen für eine Maschine, die dann für immer beim Zoll hängen bleibt, war mir dann doch zu groß. Aber zum Glück gibt es ja Importeure, die sich genau auf dem Gebiet auskennen. Und so konnte ich dann eine ordentlich importierte Lackiermaschine aus China mit CE-Zeichen bei einem solchen kaufen, der natürlich dafür auch gleich mal den doppelten Preis verlangte als der Chinese selbst.

Die ganze Angelegenheit wurde doch langsam recht kostenintensiv. Wie viele Kartenspiele muss ich verkaufen, bis sich das wieder lohnt? Besser nicht daran denken. Wenn ich Träume verwirkliche, dann kann ich dabei doch wohl auch ein bisschen träumen, oder nicht? Für den richtigen Schnitt brauchte ich noch eine Schneidemaschine und da Kartenspiele runde Ecken haben, auch noch einen Stanzer. Hier fiel die Entscheidung aus Kostengründen zunächst mal auf ganz günstige Geräte, die ich mit Muskelkraft bediene und die mich schon so manchen Fingernagel gekostet haben. Das macht die Produktion natürlich etwas zeitintensiver: So eine halbe Stunde Schneiden und Stanzen sollte man schon einkalkulieren, um ein Spiel mit 100 Spielkarten zu produzieren. Das ist also mehr eine Sache für Idealisten als für Kapitalisten.

 

Noch ein Kostenfaktor: Die Illustrationen

Glücklich kann sich schätzen, wer selbst zeichnen kann. Ich kann das nicht. Also musste ich mich auch auf die Suche machen nach einem entsprechend begabten Händchen. Und ich fand sie: Bei meinem ersten Spiel Heldentrip war dies Elif Nele Siebenpfeiffer, die ihr Talent schon für so manches Pen & Paper Rollenspiel hergegeben hatte. Das Fantasy-Thema passte ja auch wunderbar zu meinem Spiel und am Ende hatte ich Illustrationen vorliegen, an denen ich gewiss nichts aussetzen wollte.

 

Tatsächlich: Das eigene Kartenspiel

Der Weg war weit, aber es ist mir tatsächlich gelungen: Das eigene Kartenspiel ist „auf dem Markt“. Genau genommen ist dieser Markt mein eigener Onlineshop (habe ich schon erzählt, dass ich die Fäden gerne selbst in der Hand halte?) und über diesen habe ich inzwischen schon so manches Spiel verkauft. Inzwischen stehen sogar schon zwei Kartenspiele im virtuellen Regal und ein drittes steht kurz vor dem Druck. Ok, ich werde wohl noch einige Spiele verkaufen müssen, bis ich die Anschaffungskosten für die Hardware wieder eingeholt habe. Aber wer weiß, vielleicht gelingt mir auch das noch irgendwann. Leute, lasst mich jedenfalls davon träumen.

Geschrieben von Andreas Mettler

Weitere Informationen zum Kartenspiel Heldentrip gibt es auf der Hompeage von Kartenspiel-Kompakt.

 
 

1 Gedanke zu „Der weite Weg zum Heldentrip oder: Kann ich Kartenspiele selbst produzieren?

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