Die Geschichte der Kooperativen Spiele (3)

Kooperationsspiele
Hier geht es nicht darum, Gegner im Kampf zu eliminieren, sondern die Gruppe sucht das Spielerlebnis im gemeinsamen Tun. “Gemeinsam gewinnen”, “Spiele ohne Sieger” sind Devisen solcher Spiele, in denen oft Themen wie Natur, Umwelt, Ökologie oder Frieden ihren Niederschlag finden.

Dieser Eintrag in Erwin Glonneggers Spiele-Buch (1988/99) klingt aus heutiger Perspektive kurios: Ökologie und Frieden! Erst vor dem Hintergrund der politischen Bewegung in dieser Zeit (siehe Hajo Bücken) ist das erklärbar. Hier wurde also ein politisches Prinzip in die Praxis umgesetzt, nach dem Motto: Wir wollen nicht im Vergleichswettbewerb mitmachen, sondern wir setzen uns demokratisch für Frieden und eine gesunde Umwelt ein. Hier wird einmal sehr gut deutlich, was der so oft beschworene Begriff “Kulturgut Spiel” überhaupt bedeutet: Spiele entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext, zu dem sie sich (wie auch immer) verhalten.

Das bringt uns zu unserem dritten Gast: Dr. Bernward Thole. Er ist kein Spieleautor, sondern Spielejournalist. Er gründete das deutsche Spiele-Archiv in Marburg (heute ist es in Nürnberg) und war auch Gründungsmitglied der Jury Spiel des Jahres. Als ich ihn zu diesem Thema kontaktierte, war er gleich begeistert – denn er hat sich schon sehr lange für kooperative Spiele eingesetzt. Er schickte mir eine Fehde in der Zeitschrift “Spielmittel”, die sein Artikel “Spiele – ohne Sieger?” in deren erster Ausgabe (1981) ausgelöst hatte. Vor allem Prof. Jürgen Fritz verteidigte vehement das kompetitive Prinzip, dem die kooperativen Lernspiele seiner Meinung nach (außer für Kinder) nicht das Wasser reichen können. Aus heutiger Sicht kann man die meisten seiner Thesen belächeln, denn viele moderne kooperative Spiele sind auch bei Erwachsenen beliebt.

 

Welches ist das erste dir bekannte kooperative Spiel?

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Dr. Bernward Thole

Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, also vor ca. 35 Jahren, kamen auch in West-Deutschland kooperative Brett-Spiele auf dem Markt. Heute noch zu sagen, das oder jenes war das erste kooperative Spiel, das mir damals in meiner Tätigkeit als Spielekritiker auf den Tisch kam, fällt mir etwas schwer. Zumal mein gesamtes Archiv sich heute in Nürnberg befindet.

Kinder haben auf unseren Veranstaltungen damals das Bärenspiel von Hajo Bücken (1983) sehr gerne gespielt. Und Wolfgang Kramers Tabajana hat die Jury-Kollegen so fasziniert, dass sie es auf die Auswahlliste setzten. Sein Corsaro erhielt ein Jahr darauf sogar den Sonderpreis Kinderspiel.

Wolfgang Kramer gestand mir damals, dass es ihm am Anfang sehr schwer gefallen sei, sich von dem Siegerprinzip traditioneller Spiele zu lösen.

Siehst du in der Spielegeschichte eine Entwicklung, die zum kooperativen Spiel führte? Gab es Vorstufen, etwa im Rollenspiel oder in der Gruppenpädagogik?

Eine „Entwicklung zum kooperativen Spiel“ hat es nie gegeben. Dazu war die mehr als 5.000 Jahre alte Tradition der kompetitiven Wettbewerbs- und Siegerspiele zu dominant. Aber es gab (nicht nur unter den Spieleautoren!) nach 1968 zunehmend das unbehagliche Gefühl, dass sie nicht mehr unbedingt Ausblicke auf demokratisch definiertes Reagieren, um gemeinsame Bewältigung aktueller Probleme boten.

Die deutsche Entwicklung kooperativer Brettspiele stand klar unter dem Einfluss von Jim Deacove und seiner kanadischen „Family Pastimes“-Bewegung. Auch die US-ameri­ka­nische „New Games“-Bewegung, die ebenfalls auf kooperatives, spielerisches Handeln ausgerichtet war, übte in der BRD dieser Zeit eine Faszination bei spielbegeisterten Menschen jeglichen Alters aus.

Wie erklärst du den Erfolg und den Niedergang der kooperativen Kinder- und Familienspiele von Herder, die ja eher mit pädagogischem Zeigefinger herausgegeben wurden?

Die Gründe für den Erfolg der kooperativen Spielidee habe ich bereits gestreift: Sie entsprachen nicht so sehr einem „pädagogischen Zeigefinger“, sondern durchaus einem politischen Unbehagen der Zeit um und nach 1968. Diese Spiele waren aber durchaus nicht pädagogisch überfrachtet. Das würden ihnen überhaupt nicht gerecht. Noch einmal: Man hatte erkannt, dass die aktuellen Probleme der Zeit nicht mehr nach dem Führer­prinzip, sondern nach dem Prinzip gemeinsamen Handels zu lösen sind.

Von einem Niedergang der Herderspiele kann man im übrigen nicht sprechen. Im Ge­samtpro­gramm des Verlags hatten sie in einem voluminösen Buchsortiment immer ein Orchideen-Dasein geführt. Und so fiel bei einer Sortimentsbereinigung dieses schmale Rand­programm schlicht und einfach dem Rotstift zum Opfer. Um das verhindern zu können, fehlte dem zuständige Lektor innerhalb des Verlags die Power. Oder ein echtes Standing wie man das heute neudeutsch so nennt.

Scheiterte hier also das Kulturgut Spiel, als Spiegel gesellschaftlicher Zustände, am Wirtschaftsprodukt Spiel, das von der Marktanalyse der Verlage herkommt?

Das Kulturgut Spiel bleibt immer ein Spiegel gesellschaftlicher Zustände, auch wenn es in der einen oder anderen Richtung Höhen und Tiefen durchläuft. Und Spiele werden von Menschen erfunden und geformt, für die Spiel ihr höchsteigenes Medium ist, in dem sie sich ausdrücken wollen.
Spiele kommen nicht von den Marktanalytikern, sie begleiten allenfalls die Spielent­wicklung aus der Retrospektive. Auf der Ebene der Kreativität ist mir keine Spiel bekannt, das auch ihrer Werkstatt stammt.
Wohl aber viele Beispiele, wo sie jämmerlich versagt haben, wenn sie Prognosen für den Erfolg oder Misserfolg eines bestimmten Spiels abgaben. Schon das erste Spiel des Jahres „Hase und Igel“ haben sie völlig falsch eingeschätzt. Und mit „Siedler von Catan“ haben sie durch eine katastrophal falsche Einschätzung dem eigenen Verlag nicht nur finanziell enorm geschadet.

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Ein kleiner Einblick in die amüsant zu lesende Fehde der Zeitschrift “Spielmittel”: Bernward Tholes Artikel zu Kooperativen Spielen (Februar 1981) und die erste Reaktion von Prof. Jürgen Fritz (April 1981)

1985 wurde das kooperative Spiel “Sherlock Holmes Criminal-Cabinet” von euch zum Spiel des Jahres gekürt. Es war eine ganz andere Art von Spiel: Ein Kriminalfall soll mit Hilfe verschiedenster Hinweise (etwa einer mitgelieferten Zeitung, dem Londoner Adressbuch oder dem “Buch der Indizien”) möglichst schnell gelöst werden. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Wahl und wie wurde dieses Spiel angenommen?

Auch das Spiel “Sherlock Holmes Criminal-Cabinet” durchlief in diesem Jahr 1985 den gleichen Wahlprozess, dem auch die übrigen Neuheiten des Jahrgangs unterlagen. Die Entscheidung der Jury war und ist also immer vor dem aktuellen Spiele-Angebot des jeweiligen Jahres abhängig. Das muss also immer vor diesem Hintergrund in der Retrospektive berücksichtigt werden.
Für mich und meine eigene Entscheidung innerhalb der Jury war maßgebend, dass kein anderes Spiel eine solche Originalität des Spielaufbaus wagt, dass von diesem Spiel ein enormer Spielreiz, eine enorme Herausforderung aus ging, dass das Spiel auf mich perfekt durchstrukturiert wirkte.
In meinen Überlegungen spielte natürlich auch die kooperative Grundstruktur ebenso eine Rolle, wie auch der Brückenschlag vom Spiel zum Buch. Und allem Anschein nach wirkte der eine oder andere Aspekt auch auf das Publikum, denn das Spiel hatte seine Zeit und auch einen relativ guten Umsatz.

Wie betrachtest du die jüngere Entwicklung von Kooperativen Spiele?

Ehrlich gesagt bin ich da nicht mehr der kompetente Gesprächspartner. Mein Kampf um den Fortbestand des Deutschen Spiele-Archivs und sein Umzug nach Nürnberg haben mich derart in Anspruch genommen, dass mir leider, leider immer mehr die Zeit fehlte, mich so intensiv mit den Neuheiten, insbesondere mit der jüngeren Ent­wick­lung auf der Gebiet der Kooperativen Spiele zu beschäftigen.
Meine Hoffnung ist, dass ich nach Übergabe aller Jobs und den damit verbundenen Ver­pflichtungen wirklich dazu komme, wieder zu spielen.

Vielen Dank für das Interview!

 

  • Dr. Bernward Thole ist seit 2004 Ehrenmitglied der Jury Spiel des Jahres. Zwei weitere interessante Interviews mit Thole habe ich in der Bildungszeitschrift DIE und in der Pöppelkiste gefunden.
  • Ein empfehlenswerter Artikel von Jim Deacove (englisch), in dem er erklärt, wie er ab 1971 auf das Prinzip des kooperativen Spiels gekommen ist (The Games Journal, 2000). Seinen kanadischen Verlag “Family Pastimes” gibt es bis heute.
  • Das Deutsche Spiele-Archiv wird mittlerweile von der Stadt Nürnberg verwaltet. Auf deren Internetseite findet ihr auch einige gute Artikel, schaut euch an einem ruhigen Tag dort bitte mal genauer um.
  • Fans der Rahdo-Runthroughs kennen das Spiel des Jahres 1985 vielleicht unter dem Titel “Sherlock Holmes Consulting Detective“. Das aus der Tradition von Rollenspielen kommende Spiel wurde nämlich ab 2011 von Ystari in verschiedenen anderen Sprachen neu aufgelegt. Eine kleine Hintergrundgeschichte findet ihr bei Spiel des Jahres. Kurioserweise wurde in der deutschen SdJ-Ausgabe ein anderer Autor genannt als in der amerikanischen Originalausgabe von 1981/82.

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