Empowerment und Gesellschaftsspiele

Menschen sind unterschiedlich. Wir haben unterschiedliche Fähigkeiten und Schwächen. Und daraus entsteht ganz schnell ein Machtgefälle. „Lass mich das mal machen.“ Schon hat jemand ein Gegenüber herabgesetzt, fraglos schwingt man sich auf, indem man sich selbst als Helfer geriert. Stell dir vor, dir wird so geholfen. Du kannst die Hilfe nur noch an dir geschehen lassen, womöglich rutschst du dann in eine passive Haltung. Lässt überhaupt nur noch alles an dir geschehen, wirst unlebendig.

Auf der anderen Seite gibt es Spiele. Sie sind ein hervorragendes Mittel, um Menschen sich lebendig fühlen zu lassen. Am Spieltisch kannst du dir bewusst werden, dass du nicht einfach „funktionieren“ musst in einem festgefahrenen Machtgefüge, sondern selbst aktiv werden kannst. Eine solche Maßnahme nennt man in der sozialen Arbeit „Empowerment“. Zu deutsch: Zu-Kraft-Bringen, Ermächtigen, zu selbstbestimmten Handeln. Man traut dir zu, dass du Verantwortung übernimmst, selber das Ruder in die Hand nimmst, oder beim Spielen: die Würfel. Die Würfel behandeln alle gleich.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“

Selbst bei anspruchsvollen Spielen ist von Anfang an allen alles zuzutrauen. Bevor das Spiel geendet hat, herrscht eine stete Ungewissheit. Da kann auch mal ein Kind seine Eltern besiegen. Selbst im unwahrscheinlichsten Fall gilt dieses Prinzip der strukturellen „Gleichberechtigung“. Auch wenn ich mir keine großen Siegchancen gegen einen professionellen Schachspieler ausrechne: Sobald ich mich mit ihm an den Tisch setze, erkennen wir uns gegenseitig als Spielpartner an. Insofern sehen wir einander hier als Menschen, statt uns auf unsere Machtposition zu reduzieren.

Aber was ist dann mit asymmetrischen Spielen? Da ist man ja eben gerade nicht gleichberechtigt, oder? Vielleicht ist also Gleichberechtigung das falsche Wort dafür, was ich sagen will. Es geht um eine Umverteilung von Berechtigung. Wir „spielen“ eben, dass die Welt anders ist als der status quo. Wir schlüpfen am Anfang in eine neue Rolle. Dann können uns anders ausleben als sonst und vielleicht auch als reale Person daran wachsen.

 

Barrieren in Spielen

Natürlich gibt es auch Fähigkeitsunterschiede, die nicht so leicht durch ein Spiel zu überwinden sind. Es wäre ein eigenes Thema, wie man Spiele für Blinde oder Gehörlose entwickelt. Trotzdem sollten wir Autoren uns bewusst sein, dass Behinderung eigentlich immer ein soziales Phänomen ist: „Behindert ist man nicht; behindert wird man.“ (Zum Beispiel hätten Leute auf Krücken weniger Probleme, wenn es keine Treppen gäbe.)

Bei Brettspielen ist ein bekanntes Beispiel für so eine Barriere die Farbenblindheit. Hier ein krasses Bild, wie die Farben bei manchen Sehstörungen aussehen:

Sollte man ein Spiel verschlechtern, nur um solche Barrieren zu umgehen? Blöde Frage – ich finde, bessere Zugänglichkeit heißt nicht unbedingt Niveauverlust. Wir müssen nicht wegen der Farbenblinden auf die Farben verzichten, da gibt es einfachere und schönere Lösungen. Beliebt ist etwa, jede Farben einfach mit einem eigenen Symbol oder Muster zu versehen, damit sie für alle gut zu unterscheiden sind. Und was am Besten ist: So eine Maßnahme dient nicht nur der Inklusion, sondern oft können alle das gut gebrauchen. So könnte das Spiel z.B. vielleicht übersichtlicher sein oder man könnte es auch bei schlechter Beleuchtung spielen.

Weitere Barrieren im Spiel können zum Beispiel eine schwer zugängliche Sprache sein (ich weiß noch, wie ich mich mal als Kind gewundert habe, warum man „positiv“ und „negativ“ sagt, wo es doch einfachere Wörter dafür gibt), oder Sexismus (wenn die Regeln mal wieder nur „den Spieler“ ansprechen oder gewisse problematische Rollenklischees bedient werden), oder zu unhandliche Komponenten (hallo Arne!) oder einfach bestimmte Wissensvoraussetzungen.

Spiele trauen den Menschen was zu, sie geben ihnen Raum für Lebendigkeit. Getreu dem Motto von Maria Montessori:

„Lehre mich, es selbst zu tun.“

 

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