Geschichte im Spiel

Gestern Abend war ich bei einem Vortrag von Michael Geithner und Martin Thiele, die durch das Projekt “Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR” bekannt wurden (mehr Infos dazu auf nachgemacht.de). Sie hatten großen Erfolg mit Bürokratopoly, einem Spiel vom DDR-Bürgerrechtler Martin Böttger, der das DDR-System aufs Korn nehmen wollte; dieses Spiel haben sie für den Schulunterricht tauglich gemacht: bis zu 9 Spieler, reduzierte Spieldauer, weniger Optionen, ohne sich von den Finessen des Spiels zu verabschieden. Zum Spiel gibt es auch Unterrichtsmaterial – in der Besprechung nach dem Spiel waren Schüler oft viel interessierter, weil sie sich selbst mit authentischem Material beschäftigt und sich quasi in die DDR versetzt haben.

Macht Geschichte das Spiel zu ernst?IMG_6011

Das ist meine größte Befürchtung. Viele Spiele werden nur als Köder benutzt, um den Kindern den unangenehmen Lernstoff schmackhaft zu machen. Das ist wie ein “schokoüberzogener Brokkoli”. (Dieses schöne Bild aus dem Vortrag muss ich einfach übernehmen.) Im Schlimmstfall wird der Brokkoli gleich wieder ausgespuckt, höchstens isst man davon die Schokolade ab. Es ist wohl eine riesige Herausforderung, ein Spiel so zu gestalten, dass es die Geschichte ernst nimmt, aber den Spieler nicht vor den erhobenen Zeigefinger stellt und den Spielcharakter beibehält. Wenn das aber gelingt, bietet es auch riesige Chancen. Das Spiel ist das einzige Medium, das nicht linear aufgebaut ist und daher komplexe Inhalte vermitteln kann. Es erlaubt den Spielern, sich in bestimmte Situationen und Entscheidungen hineinzuversetzen. Und man kann auch einige alternative Geschichtsverläufe ausprobieren (in einem gewissen Rahmen).

Macht Spiel die Geschichte zu lapidar?

trainEs gibt Stellen in der Geschichte, in die man sich eigentlich nicht spielerisch versetzen möchte. Auf dem Bild seht ihr das Spiel “Train”, ein Kunstprojekt, Museumsstück. Es geht darum, Figuren in Waggons zu stopfen. Wozu, weiß man selbst nicht, bis man die Zielkarte zieht – Sachsenhausen, Gusen, Auschwitz… Erst in dem Moment wird dem Spieler klar, dass er Teil eines riesigen Verbrechens ist. Ein Genozid. Kann das ein Spiel sein? Auch hier muss man wohl antworten: Ja, aber es ist eine Herkules-Aufgabe für den Autor. Die Wahrnehmung der Spieler wird immer in eine Richtung gelenkt. Verharmlosung wäre jedenfalls schonmal die falsche. Ein Spiel ist eben nicht nur ein unterhaltsames Spielzeug, sondern auch ein Kunstwerk, das etwas im Spieler bewegen kann.

Meine Erfahrungen

Obwohl ich noch ein Grünschnabel bin und solche Spiele ebenso noch in den Kinderschuhen stecken, möchte ich mal davon erzählen, was ich mit solchen Spielen bisher erlebt habe. Meine Familie ist entwicklungspolitisch interessiert und so haben wir ein Spiel von Brot für die Welt im Haus: MANOMIYA aus dem Jahre 1989.

20150729_145024_4_bestshot[1]Als ich es einmal aus dem Keller gekramt und abgestaubt hatte, fand ich ein recht komplexes System vor. Aber beim Spielen stellten wir fest, dass das Spiel eigentlich keine Entscheidungen bietet! Es gibt Gruppen von Männern und Frauen, die sozusagen vom Spiel vorgeschrieben bekommen, wie viel Felder man bewirtschaftet, wie viel Geld man verdient, welche technischen Neuerungen man bekommt. Bei unserem Spiel sind die Frauen frühzeitig pleite gegangen, weil sie einfach permanent benachteiligt sind. Auch bei diesem Spiel geht es also eigentlich eher darum, eine Diskussion anzustoßen, als wirklich ein Spiel zu spielen.

Was habt ihr für Erfahrungen mit solchen Spielen gesammelt? Hat jemand vielleicht “Wir sind das Volk” von Peer Sylvester gespielt? Sollte Geschichte in Spielen nur subtil verarbeitet werden, wie etwa in Agricola? Oder überhaupt nicht? Meine Videospiel-affine Schwester hat mir den Game Design-Kanal “Extra Credits” gezeigt, wo ich auf einen interessanten Beitrag gestoßen bin, der für die Verteidigung von Spielen in moralischen Kontroversen plädiert (Update 17.08.14: das Thema Geschichte in Videospielen kommt hier öfters vor, besonders kann ich auch diese Folge empfehlen).

Das neue Projekt

Die beiden sympathischen Herren Michael Geithner und Martin Thiele wollen sich nun unter dem Titel “Playing History” allgemein mit Geschichte in Spielen beschäftigen, wie sie auch auf ihrer Facebook-Seite angekündigt haben:

Mehr und mehr zeigte sich, dass wir nicht allein Spielegeschichte aufarbeiten wollen, sondern auch durch Spiele unsere Geschichten vermitteln möchten. Vorsichtig aber zielstrebig begannen wir damit selbst Spiele zu entwickeln oder neu aufzulegen. Die zwei bedeutendsten Beispiele aus dem DDR Kontext waren hierbei sicherlich unsere kostenlose iOS App Ligato (www.ligato-app.com ) sowie das Lehrspiel aus der DDR Bürokratopoly (www.buerokratopoly.de). (…)

Wir beide widmen uns künftig unter diesem Begriff der Geschichtsvermittlung durch Spiele. Und wie wir es auch schon unter dem Titel „Nachgemacht“ getan haben, nähern wir uns diesem Thema von zwei Seiten. Zum einen erörtern wir theoretisch das Potenzial der spielerischen Lehre und eruieren mögliche Einsatzfelder. Zum anderen, entwickeln wir weiterhin eigene Spielformen, die im diversen (didaktischen) Kontexten zum Einsatz kommen sollen. Dabei schließen wir ausdrücklich sowohl analoge als auch digitale Spiele mit ein.

Als neues Spiel haben sie kurz “Es ist aus – Stasi raus” erwähnt, ein Spiel, in dem man kooperativ in die Rolle der Stasi-Mitarbeiter schlüpft, die nach dem Mauerfall möglichst viele Akten vernichten muss, bevor die wütende Volksmenge die Türen ihrer Zentrale einrennt. Das muss sich seltsam anfühlen…

1 Gedanke zu „Geschichte im Spiel

  1. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass das Spiel dem Thema gerecht wird. Generell sehe ich Spielen auch als Bildungsmedium. Allerdings auch als Medium das Spaß machen soll. Es ist also ein sehr dünner Pfad denn man beschreitet wenn man vorhat ein solches Spiel zu entwicklen. Peer Sylvester denkt gerade auch über ein RAF Brettspiel nach. Ein paar Gedanken dazu, hat er hier veröffentlicht https://plus.google.com/106740259696893452248/posts/dKGPT2EC7SP Es wird ganz gut deutlich, wie schwierig es ist und viel viel Denkleistung ausserhalb des eigentlichen Spiels nötig sind um ein solches Thema adäquat in einem Spiel zu behandeln.

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