Warum ist Spielen Kultur?

Spielen ist keine Sache des Konsums, sondern Sache der Kultur.
Motto des 1. Spieleautorentreffens in Göttingen, Reinhold Wittig (1983)

Lasst uns mal etwas Spielosophie betreiben! Dass das Spiel heute als Kulturgut betrachtet wird, ist nicht selbstverständlich. In diesem Artikel möchte ich darauf hinweisen, dass dies für uns Spieleautoren nicht nur eine Würdigung, sondern auch eine Herausforderung ist: Kulturgut Spiel! Ich glaube, wir alle sind uns weder über den Begriff “Kulturgut” ganz im Klaren, noch darüber, was das “Spiel” in seiner tieferen Natur ausmacht. Vielleicht können meine Gedanken dazu ja bei euch etwas anstoßen.

 

Was ist ein Kulturgut?

Genau wie der Begriff “Spiel” ist der Begriff “Kultur” eigentlich nicht zufriedenstellend einzugrenzen. Es gibt anscheinend unzählige Definitionen für den Kulturbegriff. Wo kommen wir denn da hin? Ich finde es daher fruchtbarer, Kultur zu beschreiben. Folgende Annäherungen kommen mir in den Sinn:

  • “Kultur” kommt vom lateinischen Wort für bebauen, pflegen, bearbeiten (colere). Demnach ist also Kultur das vom Menschen Gemachte, im Gegensatz zur ungezähmten Natur. Aber das meinen wir nicht – dann wäre ja alles vom Menschen Produzierte gleich Kultur. Kultur ist mehr als bloße Zivilisation.

  • Kultur ist nicht objektiv – es gibt sie nur, wenn sie von konkreten Menschen erlebt wird. Dieses “Erleben” heißt mehr als nur Wahrnehmen. Wer Kultur wirklich erlebt, fühlt sich angesprochen. Das muss nicht unbedingt auf der intellektuellen Ebene passieren, sondern kann auch einfach ein Gefühl des Hineingenommen-Werdens sein.
    (Z.B. schwelgen Viele in nostalgischen Erinnerungen ans Spielen in der Kindheit, als man sich bei einfachen Spielen wie HeroQuest oder Monopoly wirklich “im Spiel” gefühlt hat.)

  • Kultur ist ein großer Resonanzraum. Sie besteht aus vielen Einzelgütern, die aber erst im Kontext des großen Ganzen ihre volle Wirkung entfalten. Wenn man sich auf die Tradition bezieht, direkt oder indirekt, macht man die Kultur lebendig. Kultur stirbt, wenn sie sich nur noch um sich selbst im Hier und Jetzt dreht.
    (Z.B. steht ein Wizard oder Skull King ganz klar in der Tradition der klassischen Stichspiele, aber hat noch etwas hinzuzufügen. Ich wünsche mir viel mehr Resonanzen von außerhalb der Spielewelt, wie etwa bei Les Poilus, wo es völlig ernsthaft um Freundschaft an der Front im 1. Weltkrieg geht.)

  • Kultur ist immer klar von der “normalen Welt” abgegrenzt. Sie findet in besonderen Räumen zu festgelegten Zeiten statt, wodurch diese erst zu etwas Besonderem werden. Etwa beim Theater ist die Bühne gewissermaßen ein heiliger Bereich, auf dem sich alles abspielt, bis der Vorhang wieder fällt.
    (Z.B. ist Jenga oder Bausack besonders berüchtigt für ein markantes Spielende: Sobald der Turm umkippt und lautstark zusammenkracht, haben die Steine keine besondere Bedeutung mehr, der Druck ist sozusagen raus.)

  • Andererseits entstehen durch Kultur immer auch soziale Grenzen: Wer lässt sich darauf ein, wer nicht? Wer nimmt die Kultur ernst, hört ihre Resonanzen und gesteht ihr einen Bedeutungsanspruch zu? Kultur schafft Identität.
    (In der Szene stellt man z.B. häufig “uns Vielspieler” diametral gegenüber zu “der Oma, die dem Enkelchen ein Spiel unter den Weihnachtsbaum legen will”.)

Homo Ludens

Dieses klassische Buch vom niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga ist recht beliebt unter Spielern. Auch wenn es schon fast 80 Jahre alt ist. Wer es gelesen hat, wird merken, dass meine Annäherungsversuche von diesem Buch geprägt sind. Er bezeichnet uns nicht als “homo sapiens” (=bewussten Menschen), sondern eben als “homo ludens” (=spielenden Menschen). Seine Annäherung an den Spielbegriff fasst er so zusammen:

Der Form nach betrachtet, kann man das Spiel also zusammenfassend eine freie Handlung nennen, die als ‚nicht so gemeint’ und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem den Spieler völlig in Beschlag nehmen kann, an die kein materielles Interesse geknüpft ist und mit der kein Nutzen erworben wird, die sich innerhalb einereigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raums vollzieht, die nach bestimmten Regeln ordnungsgemäß verläuft und Gemeinschaftsverbände ins Leben ruft, die ihrerseits sich gern mit einem Geheimnis umgeben oder durch Verkleidung als anders von der gewöhnlichen Welt abheben.

Johan Huizinga, Homo Ludens, S. 22.

Spiel ist nach Huizinga nicht das Gegenteil von Ernst. Vielmehr ist dem Spiel gerade ein ganz besonderer Ernst eigen. Den bezeichnet er als “heiligen Ernst”. Hier sehen wir einige Parallelen zu dem, was ich gerade über Kultur behauptet habe. So lautet die Hauptthese des Buches auch: Jede Form von Kultur hat sich ursprünglich als Spiel entwickelt (also Dichtung, Religion, Krieg, Recht, Wissenschaft, Philosophie, Musik, Sport u.v.m.). Spiel hat demnach eine kreative, also schöpferische Funktion. Im Laufe der Zeit sind aber die spielerischen Elemente oft aus der Kultur verblasst, sodass ein statisches System entstanden ist.

Ein Beispiel dafür aus der Spielewelt ist sicherlich das Schachspiel. Die Spielregeln sind sehr alt und haben sich lange Zeit entwickelt. In den letzten 500 Jahren sind die Regeln aber kaum noch verändert worden. Spätestens mit der Gründung des Weltschachbundes 1924 wurden sie völlig zementiert, sogar die Form der Figuren wurde festgelegt. Man kann also nicht sagen, dass mit dem Schachspiel heute “spielerisch” umgegangen wird.

Huizinga selbst sieht, dass in der modernen Kultur bei “nichtathletischen Spielen als Sport” das spielerische Element verloren gegangen ist:

Bei den Brettspielen, die schon bei den Naturvölkern so große Bedeutung erlangt haben, ist von Anfang an, auch wenn sie Glücksspiele sind (so die Gruppe des Roulettespiels), ein Element von Ernst vorhanden. Die frohe Stimmung hat da kaum Raum, vor allem dort, wo der Zufall keine Rolle spielt, wie bei Dame, Schach und Belagerungsspiel, bei Mühle usw. (…)

Die Stelle, die das Bridge im heutigen Leben einnimmt, bedeutet dem Anschein nach eine ungeheure Stärkung des spielhaften Elements in unserer Kultur. Tatsächlich ist dies nicht der Fall. Um wirklich zu spielen, muss der Mensch, solange er spielt, wieder Kind sein. Kann man dies von der Hingabe an ein so außerordentlich raffiniertes Scharfsinnspiel behaupten? Ist dem nicht so, dann fehlt hier dem Spiel seine wesentlichste Eigenschaft.

Johan Huizinga, Homo Ludens, S. 215.

Bei unseren modernen Gesellschaftsspielen ist das sicherlich nicht mehr so schlimm. Aber wir als Autoren sollten uns bewusst bleiben, dass eine spielerische Grundeinstellung zum Spiel selber wichtig ist. Das Kulturgut Spiel soll lebendig sein! Nun wollen wir aber noch einen Schritt weiter gehen und die Frage stellen, ob man das Leben selbst als Spiel bezeichnen könnte…

 

Das Leben ist (k)ein Spiel?

Vielleicht kennt ihr das Lied “Nehmt Abschied, Brüder“. Die letzte Strophe gibt es witzigerweise in zwei Versionen, wobei die rechts anscheinend eine neuere (korrigierte?) Fassung ist:

Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis,
das Leben ist ein Spiel.
Und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel.
Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis,
das Leben ist kein Spiel.
Nur wer es recht zu leben weiß,
gelangt ans große Ziel.

 

Bruno Faidutti hat zu diesem Thema eine klare Meinung:

Life is not a game. You don’t know the rules and the goal, and you better not try, since it’s more fun this way. That’s why I despise religion, and why I’m terrified by it – religious people act in life as if it were a game with a game designer, a set of rules, a goal and a victory point systems. Life is not a game, it’s a mess – and it might be better that way.

Interview mit Bruno Faidutti

Gegen diese Ansicht möchte ich einen weiter gefassten Spielbegriff setzen. Einmal bin ich beim Stöbern auf der Internetseite von David Parlett auf einen Buchverweis gestoßen, der mich angesprochen hat: “Finite and infinite Games” von James Carse.

Carse untersuchte die Natur des Spielens aus philosophischer Sicht. Dafür benutzte er ähnlich wie Huizinga einen weiter gefassten Spielbegriff. Dabei stieß er einerseits auf das einzelne Spiel, das man spielt, um zu gewinnen oder zumindest möglichst gut zu sein (finite game). Andererseits aber sah er auch das “unendliche Spiel”, das man spielt, damit es eben nicht zu einem Ende kommt. Dieses infinite game beinhaltet viele einzelne endliche Spiele. Auf diesem Weg schlagen wir wieder die Brücke zur Kultur: James Carse bezeichnet Kultur als “infinite game”. Man möchte als Teilnehmer einer Kultur nicht gewinnen, sondern die Kultur selber am Leben erhalten. Ihr könnt auf seiner Seite mal etwas in dieses empfehlenswerte Buch hineinschnuppern.

 

Go, go, go, Kulturgut Spiel!

Am Montag wird das Spiel des Jahres 2016 verliehen. Ich wünsche uns, dass der Preis ein weiterer Schritt vorwärts für das Kulturgut Spiel ist. Das Ziel dieses Preises bestimmt der Verein auf seiner eigenen Homepage so:

Die Spiele, die den begehrten Titel “Spiel des Jahres” tragen, sollen in erster Linie die Botschaft des Vereins in die Öffentlichkeit tragen. Das heißt, sie sollen möglichst viele Menschen vom Wert des Kultur- und Freizeitmediums Spiel überzeugen.

Synes Ernst: Sinn und Zweck des Vereins Spiel des Jahres

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