Machen wir begeisternde Spiele?

Ich habe zum Geburtstag “Das Spiele-Buch” von Erwin Glonnegger geschenkt bekommen. Das Standardwerk über Brettspiel-Klassiker (vor Allem älteren Ursprungs). Wer Herrn Glonnegger nicht kennt, dem sei diese Interview-Doku von Sebastian Wenzel empfohlen wie auch das Porträt in der Spielbox 3/15 anlässlich seines 90. Geburtstages. Nachdem ich also ein wenig in dem sehr ästhetischen Schmöker geblättert hatte, kam ich ins Nachdenken. Wo sind eigentlich unsere heutigen Spiele einzuordnen?

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Geld regiert die Welt…

Die Mehrheit der heutigen Spiele sind offenbar Wirtschaftsspiele. Es gibt ein System aus Geld und/ oder Rohstoffen, in dem man sich bewähren muss, um zum Schluss die meisten Punkte zu erringen. Der Erfolg dieses Grundprinzips ist dem Erfolg der “Siedler von Catan” zu verdanken. Klaus Teubers Philosophie lautet:

Ein gutes Spiel besitzt einen Geist.
Er erwächst aus der Schachtel und zieht die Köpfe ins Spiel.”

Ich habe zurzeit das Gefühl, dass viele Spiele keinen richtigen Geist haben. Man öffnet die Schachtel, liest die Regeln wie eine Betriebsanweisung. Dann setzt man sich gemeinsam an den Tisch und begibt sich in ein Wirtschaftssystem. Irgendwann ist die Partie dann entschieden und es gibt Sieger und Verlierer. Das Spiel ist nur dazu da, ein Ergebnis herbeizuführen. Für die meisten ist das sicherlich Spaß genug. Aber eigentlich können Spiele doch viel mehr! (Siehe auch mein Bericht zur Weilburger Autorentagung.)

Gibt es jetzt auch E- und U- Spiele?

Für Musik ist es leider üblich, sie in “Ernst” und “Unterhaltung” einzuteilen. Auf der einen Seite die schwer zugängliche Klassik, auf der anderen Seite die alltäglichen Charts. Dadurch verliert die Musik meiner Meinung nach ihren spielerischen Charakter, der beides vermischt; sich weder auf blutigen Ernst festlegt noch auf seichte Unterhaltung. Für die Spielebranche wäre eine solche Unterscheidung wohl tödlich. Man denke nur: Ein Spiel, das nicht spielerisch ist! Aber es gibt sie ja schon, die Spiele-Klopper nur für Experten und die reinen Fun-Spiele, mit denen die Szene nichts am Hut haben will.

Wie kommt der Geist in die Schachtel?

Leider sind meine magischen Fähigkeiten zur Beantwortung dieser Frage unzureichend. Aber vielleicht kann ich einige Anstöße in die richtige Richtung geben. Ich frage mich (und die Spieler) beim Testen zum Beispiel gerne: Was macht das Spiel mit den Spielern? Bewegt das Spiel die Spieler oder sind sie von Anfang an Herr über das Spiel? Hat das Spiel eine eigene Erlebnisqualität? Das Spiel soll tiefschürfend sein, ohne aber seinen Unterhaltungswert und seine Leichtigkeit zu verlieren. Dann kann es die Spieler vielleicht packen.

Mechanismus vs. Thema?

Eine weitere Schublade, die sich bei uns eingeschlichen hat, ist die Unterscheidung zwischen mechanismen-lastigen „Eurogames“ und themen-lastigem „Ameritrash“. Es ist sicherlich keine Lösung, einfach zu sagen: Unseren Spielen fehlt es an Atmosphäre, also setze ich beim Entwickeln den Fokus mehr auf das Thema als auf den Mechanismus. In meinen Augen sind Mechanismus und Thema kein Widerspruch. Zum Glück gab es in letzter Zeit auch einige Spiele, bei denen Thema und Mechanismus sich deutlich gegenseitig befruchtet haben. Hier konnte ein eigener Spiel-Geist entstehen.

Einfach mal durchatmen

Wenn ich ein Spiel mache, bin ich schnell begeistert von meinem eigenen System. Aber meistens brauche ich lange Zeit, um festzustellen, dass das noch lange kein neuer Spiel-Geist ist. Es braucht einige Überwindung, dann nochmal ganz von vorne anzufangen und das Spiel auf seine Beigeisterungsfähigkeit hin neu zu entwickeln. Und vielleicht sollte man sich auch generell öffnen für Geistesblitze in ganz ungewohnten Gefilden. Denn: Brauchen wir wirklich noch ein Wirtschaftsspiel?

3 Gedanken zu „Machen wir begeisternde Spiele?

  1. Ein schöner Artikel, der mir aus der Seele spricht. Unsere letzten Spieleabend waren genau das: sachliche Abhandlungen von sehr mechanischen Regeln, mir hat das überhaupt keinen Soaß mehr bereitet.

  2. Die Frage, die sich mir hier als erstes stellt, was meint Teubner mit Geist? Und um auf deine letzte Frage einzugehen, ja wir brauchen noch ein Wirtschaftsspiel. Wir brauchen auch noch mehr Eisenbahnspiele. Denn wenn man die Überlegung der letzten Frage gänzlich zu Ende denkt, würde dabei die Frage rauskommen. Brauchen wir überhaupt noch neue Spiele?

    Ich würde nicht behaupten, die Spiele heute haben keinen Geist mehr. Subjektiv könnte ich dir einige aufzählen die für mich einen besonderen Geist in sich tragen. Zudem würde ich sagen, ein Spieleautor kann nur den Spielern Angebote machen. Den Geist und Spielspaß muss dann jede Spielgruppe immer wieder aufs neue selbst finden. Und da liegt glaube ich auch das Problem. Man gibt den Spiele heute ofmtals nur eine Chance. Wenn sie nicht gleich zünden bleiben sie im Regal liegen. Man gibt sich überhaupt nicht die Mühe den Geist des Spiel zu entdecken.

    Mir ist das zu sehr ein früher war alles besser denken. Das stimmt nicht, nur heute haben die Spieler einen anderen Spielgeschmack. Warum sonst gibt es kaum mehr abstrackte Spiele? Welche doch die Mutter aller Spielekategorien darstellt. Sicherlich nicht, weil alles machbare schon erfunden wurde.

    Jedes Spiel ist Ernst. Und jedes Spiel macht Spaß. Würde es kein Spaß machen, wäre es Arbeit. Und wäre Spielen nicht auch Ernst wäre es banal bzw. reine Zeitverschwendung. Ist es das? Ich würde sagen nein. Den der Spieler nimmt das Spiel sogar sehr Ernst und jemand der das Spiel nicht ernst nimmt, nennen wir einen Spielverderber. Weil er, dadurch dass er es nicht Ernst nimmt, das Spiel auflöst.

    1. Was ist mit Geist gemeint? Ich würde sagen, das, was die Spieler an einem Spiel be-geistert. Ein gutes Spiel kann so ein ansteckendes Gefühl von sich aus erzeugen. In manchen Spielen ist der Geist sehr aufdringlich da, in anderen macht er sich eher rar. Den Geist kann man in der Theorie nicht festmachen, er lässt sich erst beim Spielen beobachten.
      Ich habe nicht behauptet, dass alle Spiele heute im Gegensatz zu früher keinen Geist hätten. Es gab wohl schon immer besonders gute und besonders schlechte Spiele. Im Artikel meinte ich ja auch, dass gerade in letzter Zeit aus einer Symbiose von Mechanismus und Thema besonders gute Spiele entstanden sind.

      Was meine Schlussfrage angeht: Sorry für die missverständliche Formulierung. Nichts gegen Wirtschaftsspiele! Man kann “noch ein Wirtschaftsspiel” machen. Man kann aber auch “ein neues, ein ganz besonderes Wirtschaftsspiel” machen. Es geht mir um Innovation. Natürlich lehnen sich neue Spiele immer woanders an, aber wenn man nichts weiter draus macht, fehlt dem Ganzen der Geist. Und wenn man sich mal überlegt, was für ein Geist in den bekannten Wirtschaftsspielen herrscht, merkt man, dass sie sich kaum voneinander unterscheiden. Klar gibt es aber immer auch herausragende Spiele, die wirklich begeistern!

      Zu Ernst und Unterhaltung: Für denjenigen, der ein Spiel gern spielt, ist es natürlich Ernst und Unterhaltung zusammen. Aber es gibt eben auch Spieler, die von manchen Titeln deutlich über- bzw. unterfordert sind. Diese Spiele an den Rändern des Anforderungsbereiches laufen Gefahr, ihre unterhaltsame bzw. ihre tiefgründige Seite zu verlieren. Zum Beispiel sei hier Aquasphere als Spiel genannt, das in Arbeit ausartet, und das einfache Autoquartett als ein sehr seichtes Spiel.

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